Heft 
(1889) 38
Seite
629
Einzelbild herunterladen

38.

Deutschland.

Seite 629.

schutzes wert und würdig sein, sollte der Anarchist, welcher die Propaganda der That im Mostschen Sinne ausführt, sollte der irischeJnvincible," der den Tower in die Luft sprengen will, den Anspruch darauf besitzen, dem verfolgenden Staate nicht überliefert zu werden? Die europäischen Völker müßten ein abgestumpftes Rechtsgefühl besitzen, um diese Frage bejahen zu wollen; wer sich ein gesundes Urteilsvermögen bewahrt hat, wird nicht zögern, dieselbe mit der größten Bestimmtheit zu verneinen. Gerade indem man das Asylrecht denjenigen Per­sonen versagt, welche ein Recht darauf nicht besitzen, trügt man dazu bei, es zu befestigen, soweit es mit Fug °und Recht ge­währt wird, und alle Angriffe zu verhüten, die sonst nicht mit Unrecht dagegen erhoben werden könnten. Es ist im Interesse der Ordnung in den europäischen Staaten dringend zu wün­schen, daß das Vorgehen der Schweiz von allen übrigen be­folgt wird; es würde alsdann den mit Mord und Brandstif­tung die Heilung der sozialen Übelstünde anstrebenden Anar­chisten etwas schwieriger werden, dem rächenden Arme der strafenden Gerechtigkeit zu entgehen und der thörichten Gesell­schaft zu spotten, welche aus doktrinären Bedenken zögert, die Interessengemeinschaft aller Staaten an der Anfrechthaltnng der Weltrechtsordnung als ersten und obersten Grundsatz auf- znstellen.

Die elektrischen Strkchenlmlinen.

Von

Leo Sikberstein.

ch^n der Seele jedes Menschen spukt etwas vom Drang jenes wundersüchtigen Pedanten, jenes faustischen Wagner, der nur die Mitternachtsstnnde in dem Gewölbe seines La­boratoriums betroffen wird, da er eben in einer glashellen Re­torte einen Homunenlus znsammenbrant. Es ist uns ange­boren, ein halb kindischer Sinn, halb schöpferisches Behagen, unter unfern Fingern ein Wesen entstehen zu sehen, uns ähn­lich, möglichst kraft- und sinnbegabt wie wir, aber ohne Eigen­willen, nur unserem Willen gehorchend. Und dieser ewig rege Zeugungstrieb, der in tausend Arten wiederkehrt, der sich in der Kunst zu rein geistigen Schöpfungen emporschwingt, er ist es, der sich auch zu Kompromissen mit der erfinderischen Notwendigkeit des Tages versteht, und dem jene Surrogate, die Automaten ältester und neuester Zeit ihren Ursprung ver­danken. Dort eilt der stumme Knecht über die Stufen mit dem Eimer, das Bad zu füllen; hier steht er am Ambos und schwingt in eisernen Armen den zwanzig Tonnen schweren Ham­mer mit verblüffender, haarscharfer Genauigkeit; dann wieder prägt er den körperlosen Schall in sein wächsernes Gedächtnis oder trägt zu den Lieben in die Ferne die befreundete Stimme. Er tritt die Nähmaschine in dem Kämmerchen des Schneiders und rudert die schweren Panzerfregatten über das Meer. Er schleppt Licht und Wasser in alle Häuser, er regelt die öffent­lichen Uhren, ja manchmal macht er sogar leider auch Musik. Und in allen diesen tausend Formen steckt immer der eine Proteus, der Homunenlus, das Geschöpf von Menschen- Gnaden, sein Wille unser Wille, sein Sinn unser Sinn der verzauberte Besenknecht, der auf einen Wink des Hexen­lehrlings wieder zum toten Besen wird mit einem Wort die moderne Maschine.

Und nun kommt uns neuerdings eine Kraft zn Hilfe, die in ihrer geheimnisvollen Unsichtbarkeit, in ihrem wundersamen Wirken an das Rätsel der Lebenskraft erinnert, die Elektricitüt. Seitdem wir sie verwenden, schreiten wir, wie in einem Taumel, vom Seltsamen zum Seltsamen, und Kräfte scheinen in unsere Hand gegeben, die einem strenggläubigeren Geschlechte nur Attribute der Gottheit waren. Der Blitz leuchtet in unserer Faust und nbsterbenden Muskeln flößen wir wieder neues Leben

ein. Wir schalten das Pferd, das Zugtier ans dem Wettbetrieb ans, und geben dem Wagen scheinbar ein eigenes Leben, und nun gleitet er dienstfertig durch die Straßen, auf einen Wink sich sputend, auf einen Wink stehen bleibend, ein artiger Auto­mat, in gewissem Sinn ein Hmminculus. ^in vierjähriges Kind rief beiin Anblick eines solchen Wagens in Mödling bei Wien:Mama, sieh' die lebendige Eisenbahn!"

Die elektrischen Straßenbahnen sind unserer Aufmerksam­keit näher gerückt, seitdem wir erfahren, daß die Große Berliner Pferdebahngesellschaft mit den Elektrieitütswerken in Unterhand- lnngen steht, welche den elektrischen Betrieb ans einer Ver­suchsstrecke bezwecken. Es ist die Bahnlinie Friedrichstraße- Kreuzberg, also eine inmitten des regsten Verkehrs der Stadt liegende Strecke. Je zwei Wagen sollen aneinander gekoppelt werden, und nur der eine von ihnen mit einem Motor ver­sehen sein, welcher unter dem Wagenkasten zwischen den Nädern Platz findet. Dieser Motor treibt die Rüder. Seine Trieb­kraft erhält er durch einen Draht zugeleitet, der in der Höhe über dem Wagen durch die Straßen gespannt ist und nach der Centralstation führt. Hier stehen die gewaltigen Elektricitüts- Erzeuger, die riesigen Dynamomaschinen, die mit mehreren tau­send Pferdekrüften getrieben werden. Diese treibenden Kräfte werden von Dampfmaschinen entwickelt.

Man hat die erste Hälfte dieses Jahrhunderts als die Epoche des Dampfes bezeichnet, und die zweite Hälfte als die Epoche der Elektricitüt. In Wahrheit ist es noch immer der Dampf, der treue Ekhard, ohne den kein Schritt in der Technik gemacht wird. Ja man kann bis heute im großen und ganzen sagen: Ohne Dampf keine Elektricitüt. Man verwendet zwar auch Wasserkräfte, aber diese stehen eben nicht überall, nicht so unbedingt und mit nicht so verläßlicher Gleichmäßigkeit zur Verfügung. Die Wasserlüufe wechseln ja ihre Mengen in den verschiedenen Jahreszeiten oft in ganz fataler Weise. Und die Ausbeutung der riesigen Katarakte des Rheins und Niagaras gehören noch zum größten Teil zu den guten Absichten, die nur langsam verwirklicht werden. Ja, wenn man sich vom Dampf emanzipieren könnte, welches ein sehr unwirtschaftliches und sehr verschwenderisches Mittel und doch das einzig prak­tische ist, Kraft ans Wärme zn gewinnen. Von dem Kraft­gehalt des schwarzen Diamanten, der Kohle, kommen nur etwa acht Prozent zur Geltung, während zweiundneunzig Prozent, sage ganze zweinndnennzig Prozent, für die Kraftgewinnnng verloren gehen. Und doch muß die Menschheit mit den Pfun­den, welche die Natur ihr anvertraut hat, wuchern. Sie muß bei jedem Pfennig, den sie gewinnt, die Doppelkronen berech­nen, die sie mit Hilfe einer fortgeschrittenem Wissenschaft noch herausschlagen könnte. Schon beginnen die Engländer ängst­lich die Jahrhunderte abzuschützen, in welchen ihre Kohlenberg­werke erschöpft sein werden. Auch die elektrischen Straßen­bahnen werden, im Grunde genommen, nur mit Dampf betriebeu.

Eine Kraft, welche die Straßenbahnwagen besser und billi­ger als Pferde getrieben Hütte, wäre die Lokomotive. Eine Lokomotive ist eine reisende Dampfmaschine; sie hat daher auch alle Unbequemlichkeiten, welche ein Ding nur haben kann, das man für die Notdurft der Reise bestimmt, und deshalb mög­lichst kompendiös Herstellen läßt. Sie muß in möglichst engein Raum raschen und vielen Dampf erzeugen, und kann wiederuni die Spannung des erzeugten Dampfes nicht bis auf den letzten Kraftgehalt ausnützen, weil diese Ökonomie zu komplizierte Ein­richtungen erfordern würde. Dann muß die Lokomotive sich selbst überall mittransportieren, was den Kraftverbrnuch erheb­lich steigert. Und sie muß desto schwerer sein, je. schwerer die nützliche Ladung ist, die sie zn befördern hat. Denn die ge­füllten Wagen würden nicht von der Stelle weichen und sie zurückhalten, statt von ihr gezogen zu werden, gerade so wie ein schwerer Mann das Kind zurückhält, das ihn ziehen will. Die Lokomotive würde dann, von der Kuppelkette festgebannt, an demselben Platze stehen bleiben und ihre Räder lustig und vergebens surren lassen. Diese überflüssige und doch notwen­dige Schwere (miteingeschlossen das Eigengewicht der Waggons)