Heft 
(1.1.2025) 119
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8 | Fontane Blätter 119 1892 Paul Schlenther, Theaterkritiker bei der Vossischen Zeitung und später Direktor des Wiener Burgtheaters: Drei bisher unveröffentlichte Briefe von Fontane an Schlenther stellt Klaus-Peter Möller vor. Überraschende Funde hat Tilman Venzl gemacht: Seine systematische Auswertung einer Artikel­reihe von Paul Alfred Merbach über Fontanes Kreuzzeitungs -Zeit brachte un­bekannte Tagebuchnotizen, Briefe und ein Fontane gewidmetes Gedicht aus der Feder von George Hesekiel zutage. Die Rubrik mit Forschungsaufsätzen eröffnet ein Beitrag von Ulrike Ved ­der zu Fontanes Roman Quitt , dessen Poetik der Liminalität Vedder durch eine Rekonstruktion der räumlichen Logiken der Grenze und der Besetztheit herausarbeitet. Auch Natalie Moser geht in ihrem, dem Roman Unwieder­bringlich gewidmeten Beitrag vom Topos der Grenze aus, folgt dann aber de ­ren zeitlichen Logiken, die im Roman in den meist krisenhaften Ideen und Entwürfen von Zukunft fassbar werden. Julian Sieler nimmt sich in seinem Beitrag noch einmal das Sprechen im Stechlin vor, diesmal aber unter dem originellen Blickwinkel auf die Vertreterinnen und Vertreter der unteren Schichten, deren Marginalisierung Fontanes Verklärungsrealismus, so Sie­ler, letztlich thematisch reproduziert und zugleich ästhetisch unterläuft. Mit ihrem programmatischen Beitrag über ein Editionsprojekt zu Fonta ­nes Romanerstling Vor dem Sturm tragen Sean Franzel und Nicola Kaminski aktuelle Diskussionen der Editionsphilologie in die Fontane-Forschung hin­ein: Welche Folgen für die Erarbeitung von Editionen hat es, wenn man kon­sequent berücksichtigt, dass Fontanes Romane zuerst in periodischen Medi­en, in Zeitschriften und Zeitungen, erschienen? Mit dem Beitrag von Hubertus Fischer gehen wir zu einer stärker kontex ­tuellen Betrachtung von Fontane und seinem Wirken über. Fischer legt dabei eine politische Lektüre des Gedichts Schleswigs Ostern 1848 von Bernhard von Lepel vor, das er u. a. in den Kontext des Patriotischen Vereins und damit der konservativen Diskurse des Nachmärz stellt. Fontanes Liberalität in Fra­gen der sexuellen Orientierung berühren die beiden folgenden Beiträge von Rudolf Muhs und Dino Heicker. Von einer Widmung ausgehend, lotet Muhs die flüchtige Konstellation zwischen Fontane und dem österreichisch-unga ­rischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny aus, wobei Kertbenys heutiger Ruhm vor allem der Tatsache zu verdanken ist, das er als einer der ersten Aktivisten der Homosexuellen-Bewegung gelten kann. Diesen Kontext ent ­faltet ausführlich Heicker in seinem Beitrag, unter anderem entlang des Aus ­tauschs zwischen Fontane und Bernhard von Lepel über den deutschbalti ­schen homosexuellen Autor Alexander von Ungern-Sternberg. In eine überraschende Konstellation mit der Gegenwart wird Fontane im Beitrag von Christine Hehle gestellt, die das bekannte Gespenster-Motiv Fontanes durch einen Vergleich mit den ghost stories des exilrussischen Autors Sergej Lebedew konturiert und nicht zuletzt in einer Kulturgeschichte der Repres­sion verortet.