Theodor Fontane an Paul Schlenther| Möller | 35 unser Interesse wird der Widerstreit der Meinungen oft vortheilhafter sein als die Übereinstimmung. Besonders glücklich ist mir die Einrangirung uns res Freundes in die Weltliteratur erschienen oder was so ziemlich dasselbe sagen will das Parallelisiren der zur Kritik herangezogenen Hauptmannschen Stücke mit den entsprechenden Stücken Ibsens, Tolstois, Molières, Kleist’s, auch Göthes. Im Zusammenhange damit ist es, daß einem – worauf es doch recht eigentlich ankam – die Bedeutung des Mannes in Ihrem Buche klar aufgeht. Ich hab ʼ es, so lang ich nun den»Vor Sonnenaufgangsdichter« kenne, keinen Augenblick an herzlichster Theilnahme fehlen lassen, aber es war doch vorwiegend ein immer erneutes Engagirtsein von Fall zu Fall, nicht so recht eigentlich eine Beschäftigung mit der Totalität und Einheit von Per son und Sache. 22 Die Hauptwirkung Ihrer Arbeit auf mich liegt darin, daß ich jetzt das Ganze sehe. Wenn ich vor Wochen von»kleinen Bemängelungen« 23 schrieb, die ich mir Ihnen auszusprechen bei Gelegenheit erlauben würde, so bezog sich das einzig und allein auf den biographischen Theil, von dem ich – von ein paar neugierigen Einblicken in die folgenden Seiten abgesehn – bis dahin nur Kenntniß genommen hatte. Mir schienen diese ersten 60 Seiten nicht sonderlich geglückt. Zum Theil liegt es wohl an dem mannigfachen Citiren aus dem »Promethidenlos«, 24 das mich alles in allem weniger interessirt hat als der anekdotische kleine Junge, der der Aufforderung seiner Mutter»mit dem vom Geier angepickten Prometheus mehr Mitleid zu haben« mit der Antwort begegnete»Nein, Mama. Der arme Geier. Immer bloß Leber«, 25 – zum Theil also am»Promethidenlos«, aber doch mehr noch, ganz äußerlich, an der Vorführung, besonders an der Reihenfolge der Thatsachen. Sie haben da das Landläufige verschmäht. Ich glaube jedoch, man muß in der Schriftstellerei gelegentlich den Muth der Trivialität haben. Hat man ihn nicht, so geht es einem wie denen, die sich, aus Abneigung gegen das Allerweltsmäßige, be22 Fontane hatte als Theaterkritiker der Vossischen Zeitung 1889 Vor Sonnenaufgang, 1890 Das Friedensfest und 1891 Einsame Menschen rezensiert. Am 26. September 1894 meldete er sich noch einmal mit einem Leserbrief über Die Weber zu Wort, der in der Vossischen Zeitung aber nicht abgedruckt wurde, sondern erstmals am 5. Oktober 1894 in der Nr. 40 des 2. Jahrgangs des Salon-Feuilleton veröffentlicht und zugleich nicht veröffentlicht wurde(vgl. Klaus-Peter Möller:»Balancirkunst« oder»das Revolutionäre« und»das Elementare«. Theodor Fontanes Rezension über Gerhart Hauptmanns Stück »Die Weber«. In: Wolfgang de Bruyn; Franziska Ploetz; Stefan Rohlfs[Hrsg.]: Theodor Fontane, Gerhart Hauptmann und die vergessene Moderne. Berlin: Quintus-Verlag 2020, S. 79–104). 23 Eine solche Stelle ist in den bisher bekannten Briefen Fontanes an Schlenther nicht enthalten. 24 Hauptmanns Erstlingswerk, das der Autor nach der Veröffentlichung im Berliner Verlag von Wilhelm Issleib im Sommer 1885 einstampfen ließ. 25 Diese Anekdote findet sich nicht in Schlenthers Buch.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
35
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