54 | Fontane Blätter 119| Materialien sung über englische Verhältnisse an Differenzen sein möchte. Ich fühle durchaus nicht das Bedürfnis, hege nicht den Wunsch, unser Verhältnis wieder zu lösen und bitte Sie, dasselbe wenigstens für die nächsten Monate noch beizubehalten. Haben Sie dann das Gefühl, daß Sie nicht länger mögen, so laßen Sie es mich dann gefälligst wissen, helfen mir womöglich auch beim Engagement eines anderen Korrespondenten[…] ich bitte also, daß Sie uns noch nicht aufgeben, sondern versuchen, ob Sie mit uns fertig werden können.(Merbach I) Dass Beutners Eindruck, sein Englandkorrespondent wolle das Ende seiner Mitarbeit einleiten, nicht beabsichtigt war, stellte Fontane daraufhin in sei nem Brief vom 11. Juni 1857 klar. Er wünscht sich nach eigenem Bekunden lediglich mehr Flexibilität in Bezug auf seine feuilletonistischen Arbeiten: London, d. 11. Juni 57. 9 East Compton Street, Brunswick Square. Sehr geehrter Herr Doctor. Ich befürchte sehr, daß Sie meinen letzten Brief in ganz anderem Sinne aufgefaßt haben, wie er gemeint war. Ich habe nicht nach einem Vorwand gesucht, mich mit Manier von Ihnen zu trennen, keineswegs, einmal liegen solche Ausflüchte wirklich nicht in meinem Charakter, und zweitens bekenn ich Ihnen gern, daß ich mit Vorliebe für die»Kreuz-Zeitung« schreibe. Ich könnte an anderer Stelle das doppelte Geld verdienen, aber mir ist ein Platz in Ihrem Blatte lieber, als ein paar Thaler mehr, weil ich mir immer klarer bewußt werde, daß ich au fond auf demselben Terrain stehe. Sollten meine Beziehungen zur Zentralstelle jemals mich zwingen, abzubrechen, so würd’ ich es unumwunden sagen. Mein Brief, den ich heut vor 8 Tagen schrieb, war ganz ehrlich gemeint. Ich glaube, die Sache ist die, daß wir beide gute Preußen sind. Sie indeß mit einer Hinneigung zu Rußland, ich zu England. Wenn ich ins Auge fasse, was die»Kreuz-Zeitung« innerhalb Preußens will, so bild’ ich mir ein, daß ich der konsequentere bin. Ich glaube, daß England im Wesentlichen das alles hat, was der Verfasser Ihrer wunderbar schönen Artikel über den letzten Landtag(die ich mit Begeisterung lese, wie sie mit Begeiste rung geschrieben sind) für Preußen fordert, und in diesem Sinne schau ich hier die Dinge an . Es ist aber halbverpönt, mit solchen Ansichten jetzt rauszurücken, weil Lord Palmerston und die auswärtige Politik Englands dermaßen verhaßt sind, daß einem all und jede Bewunderung dieses Lan des, auch da, wo sie angebracht ist, verübelt wird. Man muß sich zum wenigsten dann immer gegen diese und jene Unterstellung verwahren, wer kann das aber alles in einer kurzen Korrespondenz. Ich will nicht leugnen, daß das Unbehagen, aus dem heraus ich neulich schrieb, auch noch eine andere Quelle hatte. In einer gewissen Scheu, Un-
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(1.1.2025) 119
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