Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
67
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Liminalität in Fontanes Roman Quitt| Vedder | 67 als das gräfliche Vorrecht brechender Wilderer, die Grenze zwischen Dorf und Wald, Herr und Dörfler, Gesetz und Gesetzlosigkeit. Diese mehrfach ­codierte Grenze ist als Ausdruck des Konflikts»zwischen einem sich rechts ­staatlich gebenden Obrigkeitsstaat und dem ständischen Privilegienstaat alter Ordnung« auch politisch umkämpft,»sodass Wilderei und Schmugge­lei nicht als Eigentumsdelikte, sondern als Widerstandsbekundungen ge­genüber ständischen Vorrechten fungieren«. 6 Der Wald ist also keineswegs ein freier, offener Raum, sondern ein politischer und das heißt durch Kon­trolle und Widerstand gezeichneter Grenzraum zudem von Wegen und Ori­entierungsmarken durchzogen, so dass Lehnert berechnen kann, wo er auf den Förster treffen wird:»Ich darf ihm nicht aus dem Wege gehen[]; ich muß dahin, wo sichs begegnen läßt«(92). So begegnen sich beide tatsäch­lich»auf fünf Schritt«(93), und während der Schuss des Försters nicht zün­det, wird er von Lehnert getroffen:»Opitz brach zusammen.«(93) Damit wird der Wald zum liminalen Raum des Todes und spiegelt so den Friedhof, mit dem der Roman nicht zufällig einsetzt. Der Friedhof als Schwellenraum des Textanfangs stellt einen sozial integrierten und zu­gleich ›ganz anderen‹ Ort dar. Er zeichnet also nicht nur das Thema des To­des vor, sondern auch das des liminalen Raums; beides wird durch den Wald wiederaufgenommen. Darüber hinaus spiegelt sich darin die fatale Vorge­schichte zwischen Lehnert und Opitz, sprich das Kriegsgeschehen während der Belagerung von Paris 1870/71, als Lehnert ein entscheidendes um ­kämpftes»Eckhaus«(24) neuerlicher Ausdruck einer liminalen Todeszone trotz Verlusten halten konnte, jedoch durch Opitz Intrige nicht die ver­diente Ehrung durch das Eiserne Kreuz erhielt. Und drittens wird die Mar­kierung des Waldes als liminaler Schwellenraum durch Opitz langsamen Sterbeprozess verstärkt, der ihn über Stunden in einer Zwischenzone zwi­schen Leben und Tod festhält. Dieses liminale Stadium bringt Indizien und Zeugnisse hervor(Signalschüsse, Hilferufe, Sterbenotizen), und wiederum nicht zufällig ist es»der Grenzaufseher«(119), der den Ermittlern das ent­scheidende Beweisstück übergibt: einen am Tatort gefundenen papiernen »Schußpropfen«(119) aus einem alten Kalenderblatt, wodurch der bereits verdächtige Lehnert überführt und in den liminalen Raum der Auswande­rung gedrängt wird. Der Roman arbeitet also mit einer geradezu zwingenden Verkettung limi­naler Räume, was zugleich heißt, dass die Räume in Quitt systematisch durch fatale Grenzziehungen und-überschreitungen gekennzeichnet sind. Wäh­rend liminale Räume etwa im Roman Irrungen, Wirrungen zumindest tem­poräre Alternativen zu Herrschaftsräumen bieten, sind sie in Quitt unüber­6 Rolf Selbmann: Quitt. In: Rolf Parr, Gabriele Radecke, Peer Trilcke, Julia Bertschik(Hrsg.): Theodor Fontane Handbuch. Bd. 1. Berlin, Boston 2023, S. 271–276, hier S. 273.