Liminalität in Fontanes Roman Quitt| Vedder | 67 als das gräfliche Vorrecht brechender Wilderer, die Grenze zwischen Dorf und Wald, Herr und Dörfler, Gesetz und Gesetzlosigkeit. Diese mehrfach codierte Grenze ist als Ausdruck des Konflikts»zwischen einem sich rechts staatlich gebenden Obrigkeitsstaat und dem ständischen Privilegienstaat alter Ordnung« auch politisch umkämpft,»sodass Wilderei und Schmuggelei nicht als Eigentumsdelikte, sondern als Widerstandsbekundungen gegenüber ständischen Vorrechten fungieren«. 6 Der Wald ist also keineswegs ein freier, offener Raum, sondern ein politischer und das heißt durch Kontrolle und Widerstand gezeichneter Grenzraum – zudem von Wegen und Orientierungsmarken durchzogen, so dass Lehnert berechnen kann, wo er auf den Förster treffen wird:»Ich darf ihm nicht aus dem Wege gehen[…]; ich muß dahin, wo sich’s begegnen läßt«(92). So begegnen sich beide tatsächlich»auf fünf Schritt«(93), und während der Schuss des Försters nicht zündet, wird er von Lehnert getroffen:»Opitz brach zusammen.«(93) Damit wird der Wald zum liminalen Raum des Todes und spiegelt so den Friedhof, mit dem der Roman – nicht zufällig – einsetzt. Der Friedhof als Schwellenraum des Textanfangs stellt einen sozial integrierten und zugleich ›ganz anderen‹ Ort dar. Er zeichnet also nicht nur das Thema des Todes vor, sondern auch das des liminalen Raums; beides wird durch den Wald wiederaufgenommen. Darüber hinaus spiegelt sich darin die fatale Vorgeschichte zwischen Lehnert und Opitz, sprich das Kriegsgeschehen während der Belagerung von Paris 1870/71, als Lehnert ein entscheidendes um kämpftes»Eckhaus«(24) – neuerlicher Ausdruck einer liminalen Todeszone – trotz Verlusten halten konnte, jedoch durch Opitz’ Intrige nicht die verdiente Ehrung durch das Eiserne Kreuz erhielt. Und drittens wird die Markierung des Waldes als liminaler Schwellenraum durch Opitz’ langsamen Sterbeprozess verstärkt, der ihn über Stunden in einer Zwischenzone zwischen Leben und Tod festhält. Dieses liminale Stadium bringt Indizien und Zeugnisse hervor(Signalschüsse, Hilferufe, Sterbenotizen), und wiederum nicht zufällig ist es»der Grenzaufseher«(119), der den Ermittlern das entscheidende Beweisstück übergibt: einen am Tatort gefundenen papiernen »Schußpropfen«(119) aus einem alten Kalenderblatt, wodurch der bereits verdächtige Lehnert überführt und in den liminalen Raum der Auswanderung gedrängt wird. Der Roman arbeitet also mit einer geradezu zwingenden Verkettung liminaler Räume, was zugleich heißt, dass die Räume in Quitt systematisch durch fatale Grenzziehungen und-überschreitungen gekennzeichnet sind. Während liminale Räume etwa im Roman Irrungen, Wirrungen zumindest temporäre Alternativen zu Herrschaftsräumen bieten, sind sie in Quitt unüber6 Rolf Selbmann: Quitt. In: Rolf Parr, Gabriele Radecke, Peer Trilcke, Julia Bertschik(Hrsg.): Theodor Fontane Handbuch. Bd. 1. Berlin, Boston 2023, S. 271–276, hier S. 273.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
67
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