Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
68
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68 | Fontane Blätter 119| Forschung sehbar von Macht durchzogen: Der Wald ist kein potentieller Freiraum, sondern ein Rechts- und Unterdrückungsraum; Lehnerts Haus und Giebel­kammer sind keine Zuflucht, sondern immer schon prekäre Schwellen­räume. Von einem Gewinn an Handlungsräumen durch»Grenzüberschreitungen und Grenzverletzungen«, 7 wie ihn Klaus Scherpe für andere Romane und Protagonist*innen Fontanes diagnostiziert, kann in Quitt kaum die Rede sein, im Gegenteil: Die Grenzen erzeugen ›unlebbare‹ Liminalitäten, in de­nen keine Handlungsfreiräume, sondern nur fatale Aktionen möglich sind, die weder die Subjekte reintegrieren noch die Gemeinschaften stabilisieren. Das, was Michel de Certeau in seiner Schrift Kunst des Handelns ( Arts de fai­re , 1980) analysiert, nämlich die Selbstermächtigung und»Antidisziplin« 8 von Subjekten, die einen hochcodierten und beherrschten Raum sich prak­tisch-listig auch erzählend aneignen, kommt in Quitt als Roman einer fatalen Liminalität nicht zur Darstellung. 2. ›Amerika‹ als liminales Stadium Das gilt auch für ›Amerika‹. Denn im zweiten Teil des Romans wird Amerika nicht als die neue andere Welt realisiert, von deren Freiheit Lehnert träumt (»Die Neue Welt oder Wo liegt das Glück? «) und deren einsame Fremdheit er fürchtet. Vielmehr handelt es sich um einen weiteren codierten Raum, durch­zogen von den längst etablierten und vielfach enttäuschten Auswanderer­topoi des 19. Jahrhunderts, die in zahllosen Ratgebern, Warnschriften und literarischen Texten thematisiert wurden. 9 Auch wenn also im Roman zwei mit Utopieversprechen belegte amerikanische Aufenthaltsorte des Protago­nisten angeführt werden, nämlich das Kalifornien der Goldsucher und eine Siedlung der Mennoniten in Oklahoma, so rekurrieren beide Orte gerade in ihren ökonomischen und religiösen Glücksversprechen auf jene Auswande­rertopoi. Diese sind am Ende des 19. Jahrhunderts so sehr ausbuchstabiert, dass sie in Fontanes Roman nicht als offene, sondern als vielfach intertextu ­ell gesättigte Räume auftreten. Wenige Jahre später, 1912, beginnt Franz Kafka mit Der Verschollene den letzten Auswandererroman des langen 7»Durch Grenzüberschreitungen und Grenzverletzungen der in sich abgeschlossenen Ortsbeschreibungen entstehen in Fontanes Romanen die Handlungsräume der Figuren.« Klaus R. Scherpe: Ort oder Raum? Fontanes literarische Topographie. In: Hanna Delf von Wolzogen(Hrsg.): Theodor Fontane. Am Ende des Jahrhunderts. Bd. 3: Geschichte, Vergessen, Großstadt, Moderne. Würzburg 2000, S. 162–169, hier S. 166. 8 Michel de Certeau: Kunst des Handelns. Berlin 1988, S. 16. 9 Vgl. Ulrike Vedder: Auswandern/Heimkehren: Liminales Erzählen und die Kunst des Handelns in der Auswandererliteratur des 19. Jahrhunderts. In: Michael Pilz, Peter C. Pohl (Hrsg.): Dimensionen literarischer Mobilität. Theorie Buchmarkt Motiv Genre. Berlin, Boston 2024, S. 299–322.