Liminalität in Fontanes Roman Quitt| Vedder | 71 jedoch dehnt sich der ›Schwebezustand‹, ja hält letztlich bis zu Lehnerts Tod im»Grenzgebiet[] der Zivilisation« 17 an. So erreicht der Zug zwar planmäßig sein Ziel, doch verbringt Lehnert, auf Hornbostels Antwort wartend, zunächst die Nacht allein am Bahnhof,»eine von den Einsamkeitsstationen« (146). An solchem»Nicht-Ort«, 18 einem identitätslosen und unpersönlichen Transitort ohne Zugehörigkeit(so Marc Augés Kennzeichnung der non-lieux ), erodieren Subjektivität, Geschichte und Gemeinschaft. Entsprechend einsam und in jeder Hinsicht beziehungslos verliert Lehnert seine Zuversicht: Das durft’ er nicht; er gehörte nicht dahin, er war eine Störung, und wenn er keine Störung war und den Frieden der Friedfertigen nicht trübte, war er seinerseits der Mann, den Frieden, den er da vorfand, auch nur tragen zu können? Lag es nicht so, daß der Krieg sein einzig Stück glücklich Leben gewesen war? Und was verwürfe der Mennonit mehr als den Krieg? (148) Die Eisenbahn, technischer Inbegriff der American frontier , fungiert also als vielfach beschriebener Topos der Raumerschließung und Landeroberung, während sie zugleich einen Raum krisenhafter Liminalität darstellt. 19 Beides wird mit Lehnert verbunden, der nicht nur gleich nach seiner Ankunft in Amerika»für die Nord-Pacific-Bahn«(142) Schienen verlegte, sondern nun beim nächtlichen Warten an der ›Einsamkeitsstation‹ die Landerschließung qua Eisenbahn in einem Bild nachvollzieht: Ein vorbeifahrender Zug er leuchtet mit der»am letzten Wagen ausgehängten Laterne[…] die durchflo gene Strecke«(146); dann wird aus dem einen schwankenden Licht»das helle, lichterreiche Bild« der mennonitischen Siedlung, ein Bild, an dem er allerdings am nächsten Morgen zweifelt:»er gehörte nicht dahin«(148). In Hornbostels Haus findet Lehnert einen temporären Ort, der wiederum sowohl topische Bilder aufruft als auch eine fragile Liminalität darstellt. Bei des scheint bereits bei seiner Ankunft auf:»vor dem Schwellstein eines ziemlich nüchtern wirkenden, weitschichtigen Hauses, das zum Unterschiede von den anderen bis dahin passierten, ohne Staketenzaun und ohne Vorgarten war, und durch seine Stille, seine hohen Fenster und nicht zum wenigsten durch ein paar gothische Holzverzierungen an ein halb kirchliches Gebäude gemahnte.«(153) Der»Schwellstein« des»weitschichtigen Hauses« 17 Iwan-Michelangelo D’Aprile: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung. Reinbek bei Hamburg 2018, S. 381. 18 Vgl. Marc Augé: Orte und Nicht-Orte. Frankfurt a. M. 1994(frz. 1992). 19 Zur kommunikativen und politisch-revolutionären Dimension der Eisenbahn in Fontanes Arbeiten vgl. D’Aprile, Anm. 17, S. 75 ff.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
71
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