74 | Fontane Blätter 119| Forschung Suche nach ihm abstürzt und stirbt. Das gebirgige Gelände rund um Nogat-Ehre ist übersichtlich und unübersichtlich zugleich: Zwar ist durch die klare Luft der Weitblick scharf, wie immer wieder betont wird, und der Bergkegel, auf den Lehnert während der Suche klettert, heißt»Look-out« und soll»einen genauen und leichten Einblick in die nächstgelegenen Felspartieen« gewähren(273). Dennoch findet er Toby nicht, und nach sei nem Absturz bleibt er schwerverletzt auf dem»Plateaurand«(276) liegen. Rettung bleibt aus, weil der ihn begleitende Hund sich nicht nach Hause schicken lässt, sondern treu neben ihm liegt, und weil Lehnerts Gewehrschuss offenbar ungehört verhallt. Auch wird er von der Gemeinschaft gar nicht gesucht, obwohl Toby noch am ersten Abend heimgekehrt ist, während Lehnert die ganze Nacht und den nächsten Tag über auf dem Plateaurand verharrt, wo er offenbar in der zweiten Nacht stirbt. Damit wiederholt sich das Sterbegeschehen des Försters Opitz: Auch sein Gewehrschuss wurde nicht beachtet, auch er wurde nicht durch eine rasche Suchaktion gerettet. Offenbar hat die Wiederholungsstruktur des Romans hier Vorrang vor einer gemäß der geschilderten Bedingungen – heller Tag, klare Sicht, Geländekenntnis, ausreichend Personal, engagierte Figuren – eigentlich naheliegenden erfolgreichen Suche nach Lehnert, die eine Been digung der Liminalität(weg vom Plateaurand) und die Reintegration in eine stabilisierte Gemeinschaft(Eheschließung mit Hornbostels Tochter) einleiten würde. Anstelle der Dreierstruktur eines solchen Turner’schen Modells – Austreten aus der Sozialordnung, liminaler Schwellenzustand, Transition in die Gemeinschaft und Restabilisierung – greift hier die Zweierstruktur der Wiederholung auf fast aufdringliche Weise: Opitz’ und Lehnerts Sterbeszenen gleichen einander, sowohl im räumlichen und temporalen Arrangement(nachts im Gebirge, unter einem Busch liegend) als auch in den Requi siten(Jagdtasche unter dem Kopf, Notizbuch bzw. Zeitung, seitlich liegendes Gewehr) und den letzten Handlungen(Gewehrschuss, Schreiben letzter Worte – Lehnert sogar mit seinem Blut –, Anrufung Gottes). Ähnlich überdeterminiert wirkt Lehnerts letztes blutig notiertes Wort, das mit dem Romantitel identisch ist:»Ich hoffe: quitt .«(283) Ob die Todeswiederholung versöhnlich, gar als Erlösung zu deuten ist oder aber»die Talionslogik signalisiert, in der das Schicksal der erzählten Gestalten den abschließenden Ausgleich findet« 26 – in jedem Falle zielt»quitt« auf Wiederholung, auf ›Gleiches mit Gleichem‹, auf Abschluss. Eine solche in der Logik des Gleichen angesiedelte Idee des»quitt« kollidiert allerdings mit der 26 Emilia Fiandra: Wo endet das Incipit? Anfangskonstruktionen in Fontanes Romanen. In: Claudia Buffagni, Maria Paola Scialdone(Hrsg.): Grenzüberschreitungen in Theodor Fontanes Werk. Sprache, Literatur, Medien. Berlin, Boston 2023, S. 345–358, hier S. 351.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
74
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