Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
95
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Ahnungen, Projekte und Strategien| Moser | 95 von bangen Ahnungen die Rede, denen weder ein Zukunftshandeln oder eine Zukunftsstrategie seitens der Briefeschreiberin Julie noch ein Kom ­mentar der Erzählinstanz gegenübergestellt werden und die so quasi das letzte Wort hinsichtlich der Zukunft haben. Alternative Konzepte zur(insbesondere mental oder psychologisch grun­dierten) Ahnung sind Konzepte wie Plan, Projekt oder Strategie, die zur Spe­zifizierung der Vorstellung eines Zukunftshandelns genutzt werden können. Im Rahmen der Beschreibung des Bereichs Architektur wurden bereits Pläne und Projekte erwähnt, die von Helmuth angedachte Modernisierung der Stallungen und die von Christine kuratierte Renovierung des Familiengra­bes. Für den Fortbestand der Tradition des Landadels investiert Helmuth folglich in landwirtschaftliche und Christine in familiäre Ressourcen. Der Roman lässt seine Leserschaft jedoch im Ungewissen, welchen Einfluss die beiden Modernisierungsprojekte auf die Zukunft der Familie haben, zumal ein ganz anderes Projekt Helmuths Ehebruch im Vordergrund steht. Der Graf bleibt trotz allem der Gegenwart und ihren Moden verhaftet, während die Gräfin der Vergangenheit und der durch Erfahrungen induzierten Ah ­nungen verpflichtet ist. Dem stehen im Roman allerdings zwei Figuren ge ­genüber, die Pläne, Projekte und Strategien verfolgen und aktiv an ihrer ­Zukunft arbeiten. Ausgehend von diesen Figuren soll nun das im Roman skizzierte Zukunftshandeln, ein auf Flexibilität setzendes auf der einen Sei­te und ein strategisch ausgerichtetes auf der anderen Seite, in den Blick ge ­nommen werden. Baron Arne ist die erste namentlich eingeführte Figur des Romans und sticht aufgrund dieses kompositorischen Vorrangs aus dem Figurenensemb­le heraus. Er hat seine Schwester nach dem Tod der Eltern pietistisch erzo­gen und spielt nach ihrer Verheiratung immer noch eine zentrale Rolle in deren Leben. Arne macht sich sehr früh im Roman für präventives Handeln stark und versucht nicht nur selbst als Mediator auf die Geschicke des Ehe­paars einzuwirken, sondern auch Schwarzkoppen für eine(quasi pädagogi­sche) Lenkung Christines zu gewinnen. Der Baron unterstreicht die Wichtig ­keit seines Präventionsansinnens, indem er gegenüber dem Seminardirektor festhält:»[S]onst erleben wir etwas sehr Unliebsames. Das ist mir sicher, und ungewiß ist mir nur, wer den ersten Schritt thun wird, den ersten Schritt zum Unheil.«(GBA 13: 38). Schwarzkoppen willigt ein, obwohl er die Erfolgs ­chance des Vorhabens(treffenderweise) als tendenziell niedrig einschätzt, und will»ein prophylaktisches Verfahren. Verhütung, Vorbauung«(GBA 13: 41) anwenden, das im Wesentlichen auf dem Erzählen von Geschichten aus seinem vorhergehenden(Pfarr-)Leben basiert. Interessanterweise wendet Ebba dasselbe Mittel an, um den Grafen zu lenken und von seinen gewohn­ten Bahnen abzubringen. 44 Sie ist damit allerdings um einiges erfolgreicher 44 Vgl. Liebrand, wie Anm. 36, S. 165.