Heft 
(1.1.2025) 119
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In die Lande sprechen?| Sieler | 111 jedoch durchaus mit feinen Abstufungen für den Gesprächskreis des mär­kischen Adels und des gehobenen Bürgertums ist, so deutlich unterscheidet sich deren Sprechweise generell von den Bediensteten und Arbeitern. Diese sprechen in unterschiedlicher Intensität märkischen Dialekt, eine Form des Plattdeutschen. Die Skala reicht hierbei von der lediglichen Fär­bung des Sprechens, etwa Engelke in Gesprächen mit Dubslav, bis hin zum beinahe Unverständlichen, etwa in Gesprächen zwischen Engelke und ­Agnes:»Un ick glöw, et sitt em nich mihr so upp de Bost.«(GBA, 443) Engelke erweist sich als sprachliches Talent, der verschiedene Register zu bedienen vermag, jedoch immer dialektal markiert bleibt. Auch die Alterität anderer Außenseiterfiguren, wie des Künstlers Wroschwitz, der gebrochenes Deutsch spricht(»Krittikk«, GBA, 152), des Kutschers Robinson, der seinen englischen Hintergrund nicht verbergen kann oder der Hirschfelds, in deren Sprechen »lexikalische und syntaktische Eigentümlichkeiten jüdischer Sprechweise angedeutet« 34 sind, wird durch Sprechabweichung markiert. Der Stechlin nähert sich hierbei den soziologischen Studien des Natura­lismus an, etwa Gerhart Hauptmanns Abbild von Dia-, Idio- und Soziolekten in Vor Sonnenaufgang (1889). In der scharfen Trennung zwischen dialekt­freier, homogener Sprechweise des Adels und Bürgertums und der Sprech ­weise der Bediensteten produziert der Stechlin jedoch keine mimetische Wiedergabe, sondern distinguiert soziale Schichten über ihren sprachlichen Ausdruck. Als Einwand ließe sich hier das dialektale Durchblitzen im Spre­chen Dubslavs hervorbringen. Allerdings festigen diese»Grenzüberschrei­tungen« 35 selbst die sprachliche Grenze. Es handelt sich zumeist um Verkür­zungen(»Nu gut.«, GBA, 15,»sie redt immerzu«, GBA, 16), die stärker von seinem Plauderton zeugen als von einer Gemeinmachung mit dem Dialekt. Zudem verstärken sich diese Verkürzungen sowie andere dialektale Einflüs ­se in Gesprächen mit Engelke oder Buschen. Peter Hasubek deutet dies be ­zogen auf ein Gespräch zwischen Dubslav und Engelke als Annäherung»an die intellektuellen Möglichkeiten des Dieners«, Claudia Buffagni schließt sich dem an. 36 Dieser wohlwollenden Deutung ließe sich ein Verständnis der märkischen Wendungen als ironische Zitate entgegenstellen. Funktion die­ser Imitation wäre dann weniger eine Angleichung des Sprachniveaus als vielmehr die Ausstellung von Hierarchie sowie die Beschränkung Engelkes auf sein Niveau. 34 Gauger, wie Anm. 20, hier S. 113. 35 László V. Szabó: Historisch-geographische Grenzüberschreitungen in Fontanes»Stech­lin«. In: Claudia Buffagni, Maria Paola Scialdone(Hrsg.): Grenzüberschreitungen in Theodor Fontanes Werk. Sprache, Literatur, Medien. Berlin, Boston 2023, S. 417–427, hier S. 417. 36 Hasubek, wie Anm. 1, hier S. 176; Buffagni, wie Anm. 1, hier S. 35.