112 | Fontane Blätter 119| Forschung Plausibel wird dies, wenn Dubslav im Gespräch eine Verkürzung Engelkes direkt wiederholt:»›Es is ja doch, was man so’ne ›gute Nachricht‹ nennt.‹« »›Natürlich is es’ne gute Nachricht.‹«(GBA, 295) Auch im Gespräch mit Bu schen zeigt sich diese Imitationsstruktur:»›Dat möt allens’rut, un wenn et ’rut is, denn drückt et nich mihr, un denn künnen Se wedder gapsen.‹ ›Gut. Leuchtet mir ein. ›Et muß’rut,‹ sagt Ihr. Und das sag’ ich auch. Aber womit wollt Ihr’s ›’rut‹-bringen?‹«(GBA, 398) Die zweite wichtige Partnerschaft zwischen Adeligem und Bediensteten ist die zwischen dem Grafen Barby und Jeserich, die besonders in einer Sze ne ausgestaltet wird. In ihr drückt sich das streng hierarchische Verhältnis sprachlich aus. Als Jeserich zurückhaltend ansetzt, seine Unterdrückung zu artikulieren, wiegelt Barby ihn resolut ab. Er könne ihn nicht davon befrei en, dass er»so viel zu tun hat und immer Silber putzen muß.«(GBA, 134) Jeserich wagt eine zarte Forderung nach Menschlichkeit:»›Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch ein Mensch…‹ ›Na, höre, Jeserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen.‹ ›Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. Aber ein bißchen is es doch damit…‹«(GBA, 135) Das Kapitel bricht ab. Dies ist bemerkenswert, da so die literarische Form die intervenierende, unterdrückende Rolle Bar bys übernimmt. Thomas Mann verkennt die soziale Problematik, wenn er von den»gebleichten und stillen alten Silberputzseelen«(Kursivsetzung JS) Engelke und Jeserich schwärmt. 37 Im Sprechen werden in dieser Szene Mechanismen der Unterdrückung präsentiert. Es zeigt sich jedoch auch der (noch zu beherrschende) Keim eines sozialen Aufbegehrens. Dieser Keim offenbart sich auch in einer anderen Szene.»Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und Berchtesgadenschen Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde zu machten«(GBA, 169), versammeln sich bei Frau Imme verschiedene Bedienstete. Sie bleiben von der Landpar tie, einer Konvention des ›Romans der guten Gesellschaft‹, ausgeschlossen. 38 Herr Imme, der Kutscher der Barbys, Mr. Robinson, der Kutscher der Berch tesgadens, Hartwig, der Portier von Schickedanz, sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig kommen zusammen. Die Szenerie nähert sich in verschiedener Hinsicht den Gesprächskreisen des Adels und Bürgertums an. Frau Imme ist aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit bei den Barbys aller sozialer Codes kundig und deckt»nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette, son dern auch eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern«(GBA, 169). Es herrscht ein Plauderton, der in der relativen Vermeidung von Dialekt dem Sprechen des Adels angenähert ist. 39 Unter anderem unterhalten sie sich 37 Mann, wie Anm. 28, hier S. 271. 38 Vgl. Demetz, wie Anm. 3, hier S. 209. 39 Vgl. Hasubek, wie Anm. 1, hier S. 169 f.
Heft
(1.1.2025) 119
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112
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