In die Lande sprechen?| Sieler | 115 Mitbestimmung. Unmittelbar bricht der Teil des Romans ab, erneut übernimmt die Romanstruktur also die Rolle, das Gespräch zu beenden. Nur in einem kurzen Satz dürfen die Globsower Glasarbeiter sprechen. Sie bilden ein Spalier beim Begräbnis Dubslavs. Der Erzähler präsentiert sie als»große Zahl kleiner Leute«(GBA, 448). Diese Antithese ist ironisch zu ver stehen, von revolutionärem Impetus und Potenzial, welche diese Formulierung auch ausdrücken könnte, ist nichts zu spüren. Wiewohl sie bei der Wahl gegen Dubslav gestimmt hatten,»waren sie doch vorwiegend der Meinung: ›He wihr so wiet janz good.‹«(GBA, 448) Die Glasarbeiter werden in ihrem Sprechen entpersonalisiert. Der individuell anmutende Satz wird der versammelten Menge zugewiesen. Zudem wirft der starke Dialekt erneut die Frage nach der Artikulationsfähigkeit der Arbeiter auf. Letztendlich verhindert die versöhnende Affirmation von Dubslavs Lebenswerk eine Präsenz des potenziellen Protests gegen die soziale Lage der Arbeiter. So klafft im Stechlin die Lücke des Nicht-Sprechens der Arbeiter. Es ist nicht nur Signum, sondern auch Urheber politischer Unmündigkeit. Zu Beginn des Romans wird der See namens Stechlin vorgestellt. Er be herbergt eine Verheißung:»wenn’s aber draußen was Großes gibt,[…] dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.«(GBA, 5) In der Deutung des Sees als zentrales Symbol ist sich die Forschung weitgehend einig:»Der geheimnisvolle See wird zu einem Seismografen, der welthistorische Bewegungen anzeigt, besonders gesell schaftliche Umwälzungen; der Rote Hahn verkündet Revolutionsgefahr.« 44 Durch das ›Krähen in die Lande‹ bleibt die Bildlichkeit der Revolution eng mit dem Sprechen verbunden. Die oberflächliche Plauderei der dominanten Gesprächskreise verhindert jedoch die Erhebung der marginalisierten Stimmen:»Das Eis macht still und duckt das Revolutionäre.«(GBA, 315) In sofern ist der ruhende See das Zeichen einer ausbleibenden politischen Artikulation. Doch Dubslav weiß, dass der Hahn nicht aus dem See aufsteigen und krähen wird, diese Gefahr geht von einem anderen Ort aus. In einer der Wahl vorangehenden Szene hofft Czako, während er auf den See blickt, nun Zeuge des mythischen Spektakels des roten Hahns zu werden. Dubslav lenkt seinen Blick stattdessen zur roten Glasbläserkolonie:»Diese kleine Aufmerk samkeit muß ich Ihnen leider schuldig bleiben und hab’ überhaupt da nach rechts hin nichts anderes mehr für Sie als die roten Ziegeldächer, die sich zwischen dem Waldrand und dem See wie auf einem Bollwerk hinziehen. Das ist Kolonie Globsow. Da wohnen die Glasbläser.«(GBA, 65) 44 Rolf Zuberbühler, Klaus-Peter Möller: Der Stechlin. In: Rolf Parr, Gabriele Radecke, Peer Trilcke, Julia Bertschik(Hrsg.): Theodor Fontane Handbuch. Berlin, Boston 2023, S. 331–350, hier S. 335.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
115
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