Gespenster der Vergangenheit| Hehle | 241 gemann ausführlich analysiert hat, wird diese Geschichte niemals wirklich und in Gänze erzählt, sondern bleibt infolge von Aposiopesen und Gesprächsunterbrechungen stets fragmentarisch. 40 Die verschiedenen Versionen, das Abbrechen und Nicht-Aussprechen verweisen anscheinend auf eine Erinnerungskonkurrenz im Sinne Assmanns. Zugleich ist die Erzählung der Figuren, und damit die Sprache, aber das wichtigste Medium, in dem der Spuk vermittelt wird – neben den Tanzgeräuschen im Saal(EB 60 f.) und der Erscheinung des Chinesen an Effis Bett(EB 86). Innstetten, der den Chinesen schon vor der Ankunft in Kessin, eine beiläufige Bemerkung von Effi auf greifend, zum ersten Mal erwähnt(EB 51–54), erklärt bezeichnenderweise: »Aber ein Chinese ist schon an und für sich eine Geschichte …«(EB 54). Er spricht wiederholt davon(EB 91 f., 97–100, 284), das Dienstmädchen Johanna spricht davon(EB 87), die Trippelli spricht davon(vgl. EB 111), Roswitha fragt Frau Kruse danach(EB 205 f.), Effi gibt Gehörtes wieder(EB 116 f.), Crampas instrumentalisiert das Reden über Spuk als Waffe gegen Innstet ten, um Effi zu verführen(EB 152–156). So könnte man sagen, dass es die Sprache ist, die, ähnlich wie in Lebedews Das kurze i , eine magische Qualität annimmt und den Spuk ›hervorruft‹. Ex negativo scheint Innstetten das zu bestätigen, wenn er zu Effi sagt:»… Chinesen, willst Du sagen. Du siehst, Effi, man kann das furchtbare Wort aussprechen, ohne daß er erscheint.«(EB 91) Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass es in Effi Briest eine zweite Geschichte aus der Vergangenheit gibt, die niemals vollständig erzählt wird: die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Innstetten und Luise von Bel ling, der späteren Frau von Briest, Effis Mutter(vgl. EB 9–12, 19, 20, 82, 143). In der Forschung ist die Geschichte des Chinesen vielfach, und sicher zu Recht, wenn auch in unterschiedlicher Weise, auf diese Geschichte einer unerfüllten Liebe bezogen worden. 41 Folgt man diesem Ansatz, so erscheint der Spuk als Wiederkehr des Verdrängten in einer späteren Generation wie bei Lebedews ›Enkeln‹, die Vergehen oder Leiden ihrer ›Großeltern‹ am eigenen Leib erfahren – so wie Effi in die von ihrer Mutter vergeblich gewünschte 40 Begemann:»Ein Spukhaus …«(wie Anm. 30), S. 208–213; vgl. ders.: Spuk(wie Anm. 8), S. 1064. 41 Vgl. u. a. Renate Böschenstein: Caecilia Hexel und Adam Krippenstapel. Beobachtungen zu Fontanes Namengebung[1996]. In: Dies.: Verborgene Facetten. Studien zu Fontane. Hrsg. von Hanna Delf von Wolzogen und Hubertus Fischer. Würzburg 2006, S. 329–360, hier S. 350 f.; Daragh Downes: Effi Briest. Roman. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. von Christian Grawe und Helmuth Nürnberger. Stuttgart 2000, S. 633–651; Michael Masa netz: Vom Leben und Sterben des Königskindes.»Effi Briest« oder der Familienroman als analytisches Drama. In: Fontane Blätter 72(2001), S. 42–93; Peter Siemsen: Innstettens Angst vor dem Chinesen. In: Fontane Blätter 118(2024), S. 77–99. Einen anderen Akzent setzt Wege( Metaphysischer Realismus, wie Anm. 31, S. 557–562), die Effis Liebhaber Crampas als ›Revenant‹ des Chinesen versteht. Begemann:»Ein Spukhaus …«(wie Anm. 30) löst diesen Gegensatz m. E. zu Recht auf(S. 226).
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
241
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