Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
254
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254 | Fontane Blätter 119| Forschung oder Trauma, und damit auf konkurrierende Erinnerungen. Im Kontext der viktorianischen Epoche können Schuld und Trauma erotisch bzw. sexuell besetzt sein, wie in Susan Hills The Woman in Black und Fontanes Effi Briest. Auf kollektive Phänomene bezogen, gründet Spuk in sozialer, kultureller und politischer Repression. Diese kollektive und politische Dimension von Spuk unterscheidet sowohl Fontanes als auch Lebedews Texte von den klas­sischen ghost stories etwa M. R. James, die sich in den allermeisten Fällen auf singuläre, individuelle Verbrechen aus Habgier oder Eifersucht und de­ren postmortales Fortwirken beschränken. Ein weiteres Merkmal der vikto­rianischen ghost story , das sie von Lebedews und Fontanes Erzählungen ab­hebt und damit zwar oft»unheimlicher«, aber letztlich harmloser macht, ist, dass sich die vergangenen Ereignisse, in denen der Spuk wurzelt, stets auf rationalem Weg ermitteln lassen. Bei Lebedew hingegen braucht es dafür ein plötzliches visionäres Erkennen, bei Fontane lassen sich die Zusammenhän­ge meist nur erahnen. 78 In Lebedews Geschichten greift ein übermächtiger Staat direkt und ge­waltsam in das Privat- und Familienleben ein. Sie zeigen, wie das Politische das Individuelle und zugleich das Gesellschaftliche durch- und zersetzt. Das dabei verübte Unrecht und zugefügte Leid wird verschwiegen und ver­drängt, die Erinnerung daran, die mit dem offiziellen Narrativ in Wider ­spruch steht, verboten. In Zeiten des Umbruchs jedoch kehrt sie gespens­tisch verzerrt wieder. Sie erschüttert die Reste der bis dahin dominierenden politischen Ordnung und sucht nicht nur Opfer und Täter, sondern auch de­ren(biologische oder kulturelle) Nachkommen in Form körperlicher Wahr­nehmungen und eines unvermittelten»Sehens« und»Wissens« heim; die ›Enkel‹ erleben das Phänomen der Postmemory. Bei Fontane dagegen wird das Individuelle und Gesellschaftliche poli ­tisch, wie es sein berühmtes Zitat ausdrückt:»[] Liebesgeschichten, in ih­rer schauderösen Ähnlichkeit, haben was Langweiliges, aber der Gesell­schaftszustand, das Sittenbildliche, das versteckt und gefährlich Politische, das diese Dinge haben, das[] beständig an die Verschwörung Grenzende, das ist es, was mich so sehr daran interessiert.« 79 Das Verhältnis von Repres­sion und Spuk ist bei Fontane weniger klar durchschaubar als bei Lebedew; es bleibt vielfach im Bereich der Assoziation, des Symbols und der Chiffre. Und bei Fontane warten die Gespenster nicht auf den Wandel der Verhältnis­se: Sie brechen nicht erst hervor, wenn die politische und soziale Ordnung 78 Vgl. Wege: Metaphysischer Realismus(wie Anm. 31), S. 573:»Es zeichnet die Spuk-­Erscheinungen in Fontanes Werken grundsätzlich aus, dass sie sich auch von Literatur ­wissenschaftlern nicht aufklärerisch rationalisieren lassen; es bleibt ein irrationaler Rest, der zum Kern von Fontanes Realismus-Konzept gehört.« 79 Theodor Fontane an Friedrich Stephany, 2.7.1894. In: HFA IV, 4. 1982, S. 370.