316 | Fontane Blätter 119| Journal liche S onntags=Betrachtungen einen großen Raum ein. Für diese war die jeweils letzte Seite eines jeden Heftes reserviert. Und ab Januar 1897 – also unmittelbar vor dem Abdruck von Irrungen, Wirrungen – war zu dieser Belletristischen Sonntags-Beilage auch die Belletristische Mittwochs-Beilage hinzugekommen. Das Konzept, möglichst viele Interessen unterschiedlicher Leser zu bedienen, trug zum Erfolg der Zeitung bei. Schon im fünften Jahr ihres Beste hens konnten sich die Dresdner Nachrichten rühmen,»vom Thron bis zur Hütte« gelesen zu werden. 7 Die Auflage stieg von Quartal zu Quartal. Im Gründungsjahr der Zeitung 1856 lag die Zahl der Abonnenten bei 400, 1857 bei 800, 1860 bei 3800, 1870 bei 19100, 1885 bei 40000 und 1897 bei 52.000. 8 Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen erreichte mit diesem zweiten Zeitungsabdruck also mehr(potentielle) Leser als mit allen bis dahin publizierten Buchausgaben zusammen. Wobei die Zahl der Leser dieser Zeitung weit aus höher war als die Zahl der Abonnenten. Der Nachrichtenredakteur Heinrich Pohlenk schildert das System der»Mitleser« sehr anschaulich in seiner Kindheitserinnerung: 9 Der Kaufmann an der Ecke hielt die DN und sammelte unter seinen Kunden Mitleser, von denen er sich bezahlen ließ. So ging das Blättchen, des sen Format kaum halb so groß war wie heute, die ganze Woche hindurch von einem Haushalt zum andern, bis es schließlich, nicht mehr blütenweiß zu dem Kaufmann zurückkam, der dann noch Tüten daraus machte, in denen»fer’n Fenk Feffer« verkauft wurde. Angekündigt wurde die Veröffentlichung des Romans Irrungen, Wirrungen in der Mittwochs-Beilage Nr. 11 vom 17. Februar. Und dies in dieser konservativ christlich geprägten Zeitung mit Worten, die – bedenkt man die Aufnahme des Romans nach dem Erstdruck in der liberalen Vossischen Zeitung nur 7 Dresdner Nachrichten 326/1860(Briefkasten). Zitiert nach Fiedler(wie Anm. 5), S. 37. 8 Fiedler(wie Anm. 5), S. 38 und 92. Allerdings entwickelten die am 7. September 1893 gegründeten Dresdner Neueste Nachrichten sich rasch zu einer immer fühlbarer werdenden Konkurrenz; die Abonnentenzahlen der Dresdner Nachrichten hatten 1894 mit 56.000 ihren Höhepunkt erreicht und gingen nun langsam, aber kontinuierlich zurück; im Jahr 1897 waren es aber immer noch 52.000. 9 Heinrich Pohlenk: 50 Jahre Nachrichtenredakteur, in: Dresdner Nachrichten 461/1931 (75-jährige Jubiläumsnummer der DN). Zitiert nach Fiedler(wie Anm. 5), S. 36.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
316
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