Preisrede zur Verleihung des Fontane-Wissenschaftspreises 2025| Berbig | 325 mann, den Pressagenten. Begleitet von Bettina Hartz durchforstete ich die preußisch-deutsche Presselandschaft, entdeckte gewissermaßen haptisch, wie die mediale Welt am Text mitschrieb, und lernte, visuelle Profile von Zei tungen und Zeitschriften zu lesen. Mit Studierenden sichteten wir in der alten Berliner Universitätsbibliothek den Nachlass des Tunnel über der Spree , der an mehreren Stellen im Hause sein Dasein fristete. War dessen Glück, wieder im einst spezialgezimmerten Schrank vereint zu sein, aus konservatorischen Gründen auch nur kurz ‒ es war ein Glück. Und glücklich alles, was sich daraus ergab. Die Lektorin Anita Golz, von seltener Herzensgüte, schon vom Tode gezeichnet, half Handschriften entziffern und ebnete den Zugang zum Rostocker Stadtarchiv, in dem Ingrid Ehlers den Familien-Nachlass Eggers betreute. Statt des Briefwechsels zwischen Fontane und Lepel gab ich den mit Friedrich Eggers heraus ‒ und lernte dabei viel: leider nicht, was Maß und Maßhalten heißt. Das sollte sich rächen. Daran änderte auch der Förderungswille für eine junge Kollegin nichts. Ich spreche von der Fontane-Chronik . Eine Schnapsidee, die angesichts des grandiosen Forschungsund Erschließungsschubs auf der Hand lag. Hätte ich geahnt, welche Erfahrungen sie mit sich brachte, alle zehn Finger hätte ich von ihr gelassen. Als Vision einer kollektiven Unternehmung geträumt, führte die Arbeit nach wenigen Jahren in Vereinzelung, einer Einzelhaft verwandt, unterhaltsamer allerdings. Wie wolkenleicht fühlte ich, wenn Chor- und Orchesterproben der Musikstudentinnen über den Innenhof allabendlich zu mir in mein Institutszimmer unterm Dach drangen. Ermunterungen liebenswürdiger Menschen glichen Kerzen im Dunkel dieser endlosen Arbeitsphase. Mein Leben verging, während ich Fontanes nachging. Da tat es wundersam wohl, als Freund»Rascho«(Wolfgang Rasch) der Chronik zu einem bibliographischen Stützkorsett verhalf und Hannah Markus mit Lust und Laune Zitate prüfte. Doch aufs Ganze gesehen, ich weiß nicht … Und wusste damals schon gar nicht, wie mit den öffentlichen Reaktionen umgehen: den Fehlermeldungen, den Mängellisten, den offenen Wünschen und den scharfen Attacken gegen den unzumutbaren Ladenpreis(für den ich nun wirklich nichts konnte). Sie habe, ließ eine Kollegin in einer Edition drucken, nichts von der Chronik gebrauchen können. Meine Kehle war wie zugeschnürt, als eine in der Sache Bewanderte auf einer Tagung unerwartet Freundliches zu diesem Monster sagte. Monster? Ja. Es gab Augenblicke, da habe ich mir die Chronik aus meinem Leben fortgewünscht. Sie sind irritiert, bitte erschrecken Sie nicht. Ich muss mich entschuldigen.»Das gehört nicht in eine Dankrede!« Mir ist das bewusst, und ich unter ließe, davon zu sprechen, gäbe es nicht ein Happyend. Auf das haben Sie einen Anspruch, unbedingt. Es trat, personifiziert in der Gestalt von Professor Peer Trilcke, kurz vor Ende meiner Universitätszeit in das erwähnte Dienstzimmer. Und mit ihm ein Angebot: Man habe überlegt, jenes Chronikgebilde, das mir mittlerweile zu einem Orkus von Fontane-Fehlerhaftem geworden war, im Theodor-Fontane-Archiv zu digitalisieren, dabei seine Benutzbarkeit
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
325
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