Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
330
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330 | Fontane Blätter 119| Journal Froh stimmte mich die Wiederentdeckung des Briefschreibers Aust. Nur dunkel war er mir in Erinnerung geblieben, nun leuchtete er auf. Der nicht mehr lebt, spricht zu mir, der vergangen ist, wird gegenwärtig. Wieder lade ich ihn zu einem Telefonat ein und warne, er solle nicht erschrecken, wenn mein Name auf seinem Display erscheine. Und er erwidert, schmunzelnd: »Wir können alles auch besprechen. Und so freue ich mich auf ein Klingelzei­chen, nur bitte ich Sie zu berücksichtigen, dass ich aus einer unerfindli ­chen Laune über kein Telephon mit Display verfüge, vielmehr nochmals bizarrerweise ein Gerät gewählt habe, das den Hörer am Kringel hat und eine Wählscheibe leider nur simuliert. Ach, wissen Sie, die Capricen des Alters sind famos.« Dann erzählt er noch von der Begegnung mit einer Horde Wildschweine, deren»erhabener Anblick voll tiefer Empfindung[] nur durch den Moment einer Totalbremsung realistisch gestört« worden sei. Ein­mal im Plaudern und meinen Spaß daran spürend, outet der Briefschreiber sich noch als ein»in die Wolle gefärbter Kaffeetrinker«, der in die»Teerich ­tung« gelenkt worden sei. Und weils nicht nur ums Spaßige gehen soll, erin­nert er schnell noch einmal an ein Abednego -Votum im Blätter -Beirat, in das er die Bemerkung gestreut habe,»ob man diese Roman-Übersetzung[Fonta ­nes] nicht vollständig veröffentlichen wolle und ob die Schriftenreihe der TFG nicht ein schöner Ort dafür wäre.« Sogleich rufe ich, das sei mittlerwei­le geschehen, 2021, allerdings nicht dort, sondern in Die Andere Bibliothek , herausgegeben von Iwan DAprile. Und weil mir unversehens ein glücklicher Erinnerungsmoment vor Augen steht, bringe ich den 21. September 2001 zur Sprache, da habe doch sein so treffliches Gruß- und Eröffnungswort die Grass-Lesung aus Ein weites Feld im Haus der Berliner Festspiele eingeleitet. Wer dabei war, hats nicht ver ­gessen.»Nun«, entgegnet Aust leise,»es gibt Erinnerungsfetzen; aber lohnt es, diese aufzulesen oder gar zu erhalten?« Weil ich nachgebe, weil ich nach­hake und weil ich mir wünsche, das Gespräch möchte fortwähren, verspre­che ich übermütig, doch einmal überraschend vor seiner Tür zu stehen. Und mit dem, was Hugo Aust darauf antwortet, kann dieser Nachruf noch einen Fortschritt weiter beschworen enden:»Was das ›überraschende vor der Tür Stehen‹ anlangt, so bin ich überzeugt, dass es beim gegebenen Tempo der Digitalisierung aller Lebensverhältnisse bald möglich sein wird, durch den Bildschirm zu steigen und zueinander zu finden, wie es einst freilich mit ganz anderen Absichten und unter eigentlich zu meidenden Bedingun ­gen Cocteaus Orfée vor und mit dem Spiegel bewerkstelligte, man muss nur die richtigen Handschuhe haben!« Ich, lieber Herr Aust, werde Sie nicht vergessen und möchte Sie mit dem zum Lächeln bringen, was die heutige Zeit sich gerne zuruft:»Man sieht sich!«