Grenzüberschreitungen in Fontanes Werk| Bauer | 339 und Exklusionen nach sich zogen, widerstritten im 19. Jahrhundert die Grenzüberschreitungen, die durch neue Verkehrsmittel und Nachrichtenwege sowie durch den voranschreitenden Bewusstseinswandel ermöglicht wurden. Freilich stand auch dieser Wandel im Zeichen von Oppositionen und Ambivalenzen: Nur allzu oft stießen die liberalen, emanzipatorischen Bestrebungen auf restaurative und repressive Tendenzen, die dem Erstarken von Nationalismus und Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus nach der Reichsgründung 1871 und der Kongokonferenz in Berlin 1884/1885 ge schuldet waren. Als»Grenzgänger«(S. 3), als den die beiden Herausgeberinnen Fontane sehen, war der vom Apotheker zum Kulturjournalisten und vom Kriegsreporter zum Romanschriftsteller mutierte Dichter prädestiniert, Brüche, Risse und Sprünge, Fort- wie Rückschritte, Tabuverletzungen oder Sanktionen genauestens wahrzunehmen, auf Juxtapositionen und Dichotomien im zeitgenössischen Diskurs zu beziehen und in den Figurendialog, die erlebte Rede oder die Handlung seiner Sprachkunstwerke zu übersetzen. So geben Fontanes Texte bis heute Aufschluss über die Aus- und Abgrenzungen, die Widersprüche und Gegensätze sowie die Unvereinbarkeiten und Zweideutigkeiten, die das lange 19. Jahrhundert durchziehen, dessen Anfänge bis zur Französischen Revolution 1789 zurückreichten und dessen Ende erst im Ersten Weltkrieg besiegelt wurde. Die beiden Herausgeberinnen haben den Band in fünf Abteilungen ge gliedert: I – Grenzen und Grenzüberschreitungen zwischen Fremde und Epochenwandel; II – Grenzüberschreitungen zwischen(Auto)Biographie und Reisebeschrei bung; III – Grenzen und Grenzüberschreitung in Sprachreflexion und Textkonsti tution; IV – Grenzen und Grenzüberschreitungen in topographischen und gesellschaftlich-topologischen Konstellationen; V – Interlinguale und intermediale Grenzüberschreitungen. Der Einfachheit halber werden in dieser Rezension, abweichend von ihrer Reihenfolge im Inhaltsverzeichnis, kultur-, sprach- und literaturwissenschaftliche Beiträge voneinander abgehoben, auch wenn diese Differenzie rung nicht immer trennscharf ist. 1. Kulturwissenschaftliche Beiträge Zu den Zweideutigkeiten von Fontanes Lebenswelt zählt das Wiedererkennen des Unbekannten – eine Erfahrung, die der Schriftsteller auf seinen Italienreisen machen konnte. Wohlvertraut mit den Landschaftsbildern, deren Verbreitung sich dem Aufschwung der Öldruck-Fabrikation in Berlin ver dankte, registrierte er, wie Hubertus Fischer ausführt,»dass eine forcierte Idealisierung eine schleichende Desilluionierung nach sich zog«(S. 35). Das Original wurde am Vorbild gemessen und hielt dem Vergleich nicht immer
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
339
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