340 | Fontane Blätter 119| Rezensionen stand. Man war dank der modernen Reproduktionstechniken immer schon in Arkadien gewesen, bevor man es mit eigenen Augen sah. Der Lago Maggiore stellte sich Fontane genauso dar, wie er ihm bereits zuhause in Berlin in Gemälden begegnet war.»Jede Ueberraschung die so viel thut, fällt weg.« (GBA Ehebriefwechsel , Bd. 3, S. 45) Fischer wertet Fontanes Italien-Bemer kungen daher»als seismographische Reaktionen auf Medialisierungsprozesse«(S. 26) und zeichnet im Detail nach, welche Rolle die Illusionierung durch Italienbilder in Unwiederbringlich (1891) spielt. Dass gleich mehrere Beiträge auf diesen Roman eingehen, hat seinen tie feren Grund sicher darin, dass die Grenzziehungen und-überschreitungen, die in ihm geschildert werden, unter dem Eindruck des Titels stehen und durchgehend auf die zeitliche Schwelle des Todes bezogen sind. Die Handlung setzt nach dem Verlust eines Kindes ein, mit dem die Ehepartner sehr unterschiedlich umgehen, und endet mit dem Suizid der Frau, nachdem sie noch einmal dem Mann vermählt worden war, der sie verlassen hatte, um den Übergang in eine andere, vermeintlich glücklichere Lebensform zu fin den. Entsprechend ergiebig ist die Beschäftigung mit Unwiederbringlich , wie die Beiträge von Maja Razbojnikova-Frateva in Bezug auf das Verhältnis von Spiel und Ernst oder Susanne Vitz-Manetti in Bezug auf die Glücks-Thema tik ausführlich und die Einlassungen von Hubertus Fischer und Iwan-Michelangelo D’Aprile eher beiläufig belegen. D’Aprile räumt gründlich mit dem Mythos des Nordlandmenschen auf, der für Italien angeblich kein Verständnis aufbringen konnte oder mochte. In Wahrheit dienten Fontanes Italienreisen dazu, ihm die Eignung für die angestrebte Anstellung an der Berliner Akademie der Künste im Jahr 1876 zu verschaffen; zugleich stellte der Aspirant Listen zum Erwerb von Kunstwer ken für die Innenausstattung der neuen Reichshauptstadt zusammen, deren äußeres Erscheinungsbild nach italienischen Mustern entworfen wurde. Be stätigt wird damit für den Bereich der Architektur, was Fischer über die prä figurative Kraft von Nachahmungen und Reproduktionen im Bereich der grafischen Kunst ausführt. Ebenfalls mit Reiseerfahrungen und ihrem literarischen Niederschlag sind die Beiträge von Domenico Mugnolo, Roland Berbig, Anna Fattori und Erika Kontulainen befasst. Sie zeigen, inwiefern die Reisen bzw. Umzüge in Meine Kinderjahre (1893) krisenbedingte Zäsuren in der Biographie des Her anwachsenden und im Leben seiner Eltern markieren, oder inwiefern der unfreiwillige Frankreichaufenthalt, der in Kriegsgefangen. Erlebtes (1870) und Der Krieg gegen Frankreich 1870–1871 geschildert wird, dazu beitrug, den realistischen Romanautor Fontane von dem Mann abzusetzen, dem das Leben bis zu diesem einschneidenden Erlebnis stets den Gefallen getan hatte, sich nach künstlerischen Prinzipien abzurunden(vgl. S. 184). Konnte Fontane während seiner Aufenthalte in London, zunehmend ernüchtert, die Zukunft Preußens antizipieren, weil in der britischen Metropole bereits wirklich war, wovon man sich in Berlin noch kaum träumen ließ, blieb sein Blick
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
340
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