Grenzüberschreitungen in Fontanes Werk| Bauer | 341 auf Schottland insofern poetisch verklärend, als er Land und Geschichte vor allem auf den Verständnisrahmen seiner Walter Scott-Lektüre bezog. 2. Sprachwissenschaftliche Beiträge Eine eigene Abteilung ist dem Zusammenhang gewidmet, der sich mit Blick auf Grenzen im Feld der Sprachreflexion und Textkonstitution ergibt. Mari na Foschi Albert korreliert die grundlegenden Einsichten von Ferdinand de Saussure zur Sprache als ›fait social‹ und zur Zirkularität der Semantik, wobei sie insbesondere auf Der Stechlin (1897/1898) eingeht. Ob man nun der These, die rätselhafte Kommunikation des titelgebenden Sees, der immer dann merkwürdige Laute von sich gibt, wenn es andernorts rumort, spiegele das Tout se tient-Prinzip wider, folgen mag oder nicht – unbestreitbar hatte Fontane, wie sich an seiner Verwendung von Redewendungen zeigt, ein eminentes Gespür für die Konventionalität von Meinungsausdruck und Meinungsaustausch, auch wenn die einschlägigen Arbeiten von Norbert Mecklenburg, die sich an Bachtins Metalinguistik orientieren, in dieser Hinsicht weiter führen als die Bezüge zu de Saussures Linguistik. Claudia Buffagni weist Fontane anhand von Spreewald (1882), dem Vierten Teil der Wanderungen durch die Mark Brandenburg , als einen Autor aus, der sprachgeschichtlich an der Schwelle zur Gegenwart steht(vgl. S. 254). Sie untersucht seinen Gebrauch von ›Und so‹ bzw. ›Und dann‹ und stellt fest, dass diese kolloquial anmutenden Konnektoren, die oft am Anfang eines Satzes stehen, räumliche oder zeitliche Grenzüberschreitung in einer Szene indizieren. Komplementär hierzu erläutert Patrizio Malloggi am selben Text, wie mit ›als‹ eingeleitete Adverbialnebensätze dazu beitragen, in der Landschaft etwas Transitorisches, historisch Wandelbares wahrzunehmen. Sabrina Ballestracci wiederum lenkt den Blick auf die Präsuppositionen und Implikaturen in einigen Romanen Fontanes, zuvörderst an solchen Stellen, die den Tod einzelner Figuren betreffen. Was an diesen Stellen nicht aus drücklich gesagt, aber jeweils stillschweigend vorausgesetzt oder mitgemeint ist, lässt sich nicht auf wiederkehrende Formeln reduzieren. Auffällig ist allerdings, wie oft das Wichtigste im Nebensatz oder im Nachfeld der (vermeintlichen) Hauptaussage steht(oder eben nicht steht, weil es lediglich angedeutet, umschrieben, souffliert wird). Ebenfalls mit dem Impliziten ist Nicolò Calpestrati befasst. Es setzt seitens der Leserinnen und Leser Inferenzen frei, die durch grammatische wie durch graphematische Elemente, durch konkrete extratextuelle Verweise oder durch Ironie in bestimmte Bahnen gelenkt werden. Sehr eindrücklich ist hier der Verweis auf Arnold Böcklins Ölskizze Die Gefilde der Seligen (1878) und damit auf den erotischen Subtext in Effi Briest , der ohne Kenntnis dieses Gemäldes diffus bleiben muss. Claus Ehrhardt haben es die Umgangsformen der Etikette-Vorschriften angetan, die Fontane in seinen figurenzentrierten und zur Figurenrede gravitierenden Romanen verwendet, um die Komplexität sozialer Beziehungen zu gestalten. Ehrhardt demonstriert, dass diese
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(1.1.2025) 119
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341
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