Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
346
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346 | Fontane Blätter 119| Rezensionen lediglich zwei Romanen( Irrungen, Wirrungen und Effi Briest ), kann dieses reizvolle Thema jedoch nur ansatzweise bewältigen. 5 Ausgangshypothesen, Vergleichsverfahren und Begriffe Aus den oben zitierten Quellen leitet Elke Kalb die überzeugende Hypothese ab, dass Menzel wie auch Fontane»in ihren Darstellungen ein realistisches Wirklichkeitsverständnis[zeigen], das auf einem vielfältigen kontingenten Wirklichkeitserleben aufbaut und das faktisch Gegebene detailreich in mo ­menthafte, scheinbar ungeordnete, wahrnehmungsgemäße Zusammenhän­ge einbindet«, welche zudem mehrere Bedeutungsebenen aufweisen.(S. 5) Neu ist diese Beobachtung nicht. Auf das inklusive Verhältnis alltäglicher und historischer Gegenstände und Allumfassendheit als Bauprinzip des Re ­alismus haben auch Claude Keisch, Werner Busch, Carmen aus der Au, Klaus-Peter Möller, Hubertus Fischer und andere in einschlägigen Studien hingewiesen. Auch die Präsenz des Symbolischen und Doppeldeutigen im Werk beider Realisten kam dabei zur Sprache. Die in den Vorgängerarbeiten diskutierten Bild-Text-Vergleiche werden von Kalb erneut aufgegriffen, teils kritisiert und teils erheblich erweitert. Die Herausforderung der vergleichen­den Studie besteht darin, das realistische Prinzip der Integration von all­tagsnahen und historischen Gegenständen, realistischer und verklärender Wirklichkeitsdarstellung, ein- und doppeldeutigen Semantiken, anhand von Beispielen vergleichend zu explizieren. Dabei ist das einzelne ›Salat ­blatt‹(Motiv) ebenso zu berücksichtigen, wie das, was die Blätter zum Salat ­kopf eint, nämlich jener»Zusammenhang der Dinge«. Letzteren erklärte Fontane in Der Stechlin rückblickend zum Leitprinzip seiner Kunst. Dass Kalb dies nicht vermerkt, lässt auf eine lückenhafte Kenntnis des Gesamt­werks und auch relevanter Forschung schließen. Für die Analyse der Symbol­ebene wäre beispielsweise ein Blick in die sogenannte Finessen-Debatte aufschlussreich gewesen. Stattdessen greift Kalb die in der Realismus-For­schung aktuell populäre Hypothese auf, dass es Fontane um die Darstellung von subjektiven Wahrnehmungsvorgängen an sich, von»Seherlebnis[sen]« (S. 41 u. a.), gegangen sei. Die Symbolebene des Zeichens wird einer nebulö ­sen»Flut des Imaginären« zugeschlagen, bestehend aus soziokulturell viru­lenten Vorstellungen, welche die Gesellschaft»unterspüle«, Wahrnehmung und Wirklichkeitserleben der Figuren lenke. 6 Übergangen werden dabei Re­ferenzen auf Kontexte, zu denen Fontane seine Leser über das Figurenbe­wusstsein hinweg einlädt. 5 Zur Begründung für die bedauerliche Beschränkung auf nur zwei Romane gibt Kalb Bedenken hinsichtlich der»ausufernden« Länge ihres Buches an; anstelle einer exten­siven habe sie sich für eine»intensive punktuelle« Untersuchung der beiden Werke entschieden.(S. 31) 6 Gerhard von Graevenitz: Theodor Fontane: Ängstliche Moderne. Über das Imaginäre. Konstanz 2014, S. 14.