Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
351
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Von Auerbach zu Auerbach| Böttcher | 351 seits; zwischen Phänomenen von zeitgenössisch hoher Wertschätzung und Popularität auf der einen Seite und solchen nachträglich irritierender Kano­nizität bzw. erstaunlicher Vergessenheit auf der anderen Seite; zwischen Ge­genstandsnähe und Distanz sowie Zeitgebundenheit und Zeitlosigkeit als methodischer Herausforderung, zwischen der Modernität realistischer Lite­ratur und der dem deutschsprachigen Realismus von Beginn an eigenen anachronistischen Weltkonstruktion. Indem Selbstmann diese Konstellationen gerade nicht entfaltet, vielmehr bloß anklingen lässt, macht er sie als heuristisches Problemfeld produktiv (nimmt dabei aber einen Mangel an konzeptioneller Nachvollziehbarkeit in Kauf). Indem er außerdem gar nicht den Anspruch erhebt, ein klassisches Epochenbuch oder eine zusammenhängende und lückenlose Überblicks­darstellung zu präsentieren, stattdessen von den Kapiteln als»Studien« oder »Untersuchungen« spricht, verschafft er sich eine literaturwissenschaftli ­che Beinfreiheit, die sich für die Darstellungsform des Buches als charakte ­ristisch und nicht zu dessen Schaden erweist. So zeigt sich etwa immer wie­der eine genaue Kenntnis der Forschungsliteratur, diese wird aber nicht ostentativ ausgestellt. Es herrscht ein(im besten Sinne) essayistischer Grundton, der weder verlangt, dass jeder Gedanke vollständig ausgeführt, noch, dass jede Ausführung gerechtfertigt wird. In eine jener Verlagsreihen mit Einführungsbänden, die sich explizit an Bachelor-Studierende der Lite ­raturwissenschaft richten, würde der hier vorliegende Band daher nicht passen was gerade nicht heißt, dass Studierende von diesem Buch nicht (u. a. eben deshalb) profitieren könnten. Dabei sind Aufbau und thematische Makrostruktur zunächst kaum un ­konventionell und wenig überraschend. In den ersten drei von insgesamt zwölf Kapiteln widmet sich Selbmann den verschiedenen Dimensionen des Realismus-Begriffs: Realismus als 1. philosophisch-ästhetische Kategorie und Problemstellung, 2. als Stilhaltung bzw. Stilprinzip, 3. als konkrete ­Epochenbezeichnung. Darauf folgen Kapitel zum zeitgeschichtlichen Hin­tergrund(›Realpolitik‹), zur realistischen Literaturprogrammatik, zur Me­dienkonkurrenz der Fotografie, zu typisch realistischen Sehweisen und Wirk­lichkeitsbetrachtungen, zum Verhältnis von Literatur und Technik/Na­turwissenschaften sowie eingehende Analysen von Wilhelms Raabes Erzäh­lung Zum wilden Mann , Theodor Fontanes Effi Briest , Gottfried Kellers Martin Salander und Der grüne Heinrich und schließlich von Thomas Manns Gladius Dei . Die Lektüre von Manns Novelle setzt Selbmann ans Ende, weil das Werk die Erwartungen an eine realistische Erzähltechnik(zum Leidwesen der zeitgenössischen Kritik; vgl. S. 197 f.) nicht erfüllt, sondern dieser Erzähl ­weise, in der der Autor wurzelt, ein Ende setzt. Es sind solche höchst eigenständigen, punktuellen Schwerpunktsetzun­gen und exemplarischen Analysen, die in Form und Inhalt das Besondere des Buches ausmachen. Der Verfasser nimmt sich das Recht, abseits klassischer Beispiele genauer bei einzelnen Texten zu verweilen, vorzugsweise in den