Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
352
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352 | Fontane Blätter 119| Rezensionen Randbereichen. Buchstäblich trifft dies etwa auf Mörikes An Philomele von 1841 zu, das als epochales Schwellengedicht gedeutet wird(S. 21–24). Ohne diese Debatte im Buch explizit führen zu wollen, greift Selbmann mit Mörike aber auch mit Verweis auf Hoffmann, Heine und Immermann unaufge ­regt die stets produktive Diskussion um den Frührealismus auf und leistet einen Beitrag zur Erforschung jener Texte,»die Merkmale des neuen realis ­tischen Sprechens in sich tragen«(S. 25). Vergleichbar wird Fontanes Ge­dicht Meine Gräber als Ausdruck einer ins Disparate zerfallenen Wirklich­keitsanschauung interpretiert, in der sich der Anbruch der literarischen Moderne ankündigt. Derart aus dem Rückspiegel betrachtet korrigiert Selb­mann das eindimensionale Realismus-Verständnis von Erich Auerbach und die daraus hervorgehenden Wertungen. Der deutschsprachige Realismus könne in dieser Hinsicht sogar als ›moderner‹ erachtet werden als der engli­sche oder französische, weil er weniger einem planen Mimesis-Modell ver­pflichtet sei und die Wahrnehmung selbst problematisiere. Umgekehrt bedeutet dies keine Parteinahme für das ›deutsche Modell‹. Es wird kein Zweifel daran gelassen, dass die Literatur-Politik nach 1848 auf eine konservative Welthaltung und die»Anerkennung und Beschönigung der bestehenden Verhältnisse«(S. 43) zulief, dass sie sich dabei mit ihren ei­gentümlichen Anachronismen geradezu im Gegensatz zur komplexen Le­benswirklichkeit entwarf und ihre eigenen programmatischen Aporien und Inkonsistenzen produzierte. Auf solche weist Selbmann u. a. in Auseinan ­dersetzung mit Arnold Ruges Verklärungspostulat und ausgerechnet mit ei­nem der zentralen Texte realistischer Programmatik hin: Fontanes Aufsatz »Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848«(1853). Zwar sage der Dichter den Realismus darin programmatisch von allem Alten los und proklamiere die Hinwendung zum ›frischen Leben‹, entdecke das Blühen des vermeint ­lich neuartigen Kunstprinzips jedoch gleichzeitig bereits in der Vergangen­heit. Zudem würde Fontanes berühmte Bildhauer-Analogie auf den Wider ­spruch zulaufen, wahlweise das Verfahren poetischer Verklärung oder doch den Stoff zum wichtigsten Element realistischer Kunst zu erklären. Jeden ­falls gelinge es Fontane nicht, das Positive des Realismus im Konkreten wie im Abstrakten zu bestimmen. Damit macht Selbmann auf ein Grundproblem realistischer Programmatik und Literatur aufmerksam. Zum einen musste mit Gerhard Plumpe der Realismus»jene ›Wirklichkeit‹« erst konstruierend erfinden,»als deren ›Verklärung‹ er sich dann verstanden hat«; 3 zum ande­ren gestaltete sich die Suche nach konkreten und literaturprogrammatisch lizenzierten Stoffen nicht selten als Rückzugsgefecht vor einer Gegenwart, 3 Gerhard Plumpe: Einleitung. In: Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit 1848–1890. Hrsg. von Edward McInnes und Gerhard Plumpe. München, Wien 1996, S. 7–83, hier S. 83.