Heft 
(1.1.2025) 119
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Von Auerbach zu Auerbach| Böttcher | 353 derer man poetisch kaum habhaft werden konnte bzw. nur ex negativo. Schon der Protagonist von Gustav Freytags Der Gelehrte (1844) beschließt am Ende des ersten Aktes emphatisch, ›in das Volk zu gehen‹ ob er es je gefunden und was er da getan, lässt das Fragment gebliebene Drama aller­dings offen. Bezogen auf die dramatische Literatur der Zeit hatte Fontane in»Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848« von einer ›Übergangsphase‹ gespro­chen und stimmte darin wortwörtlich mit Literaturprogrammatikern wie u. a. Hermann Hettner und Julian Schmidt überein. Noch 30 Jahre später, 1883, urteilt er in einer Theaterkritik zu Hugo Bürgers Aus der Großstadt , das deutschsprachige Drama befinde sich in einem»Werde-Stadium«, einem »Uebergangs-Stadium«, das einst»als eine erste Etappe zu jenem ›Drama der Zukunft‹« gelten werde. 4 Als sei er im Theater nicht über Jahre eines Besse ­ren belehrt worden, hängt Fontane hier weiterhin der Idee einer projektier­ten neuen Dramenkultur, einer noch kommenden realistischen Klassik an. Solches zeitgenössisch typische Denken als Variante einer Wiederkehr von Konzeptionen der Klassik deutet Selbmann in seinem Buch nur an(vgl. S. 43, 55). Dabei ließe sich vieles, was er en passant bemerkt, gerade für das Drama fruchtbar entwickeln. Obschon das Buch, wie erwähnt, nicht den Anspruch erhebt, die Epoche vollständig in den Blick zu nehmen, ist es daher nur zu bedauern, dass es sich in puncto realistischer Dramenliteratur mit nahezu allen anderen Überblickswerken zur Epoche trifft und die Gattung schlicht ­weg ganz ausspart. Friedrich Hebbel etwa findet sich im Buch genauso oft erwähnt wie Peter Handke(einmal). Obwohl Berthold Auerbach mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten sofort erfolgreich auf dem Feld der Prosa wurde, versuchte er sich wiederholt an jener Gattung, die im gesamten 19. Jahrhundert als höchste Kunstform angesehen wurde: an der Tragödie. Selbst nach seinem schnell als missglückt geltenden historischen Trauer­spiel Andree Hofer (1850) unternahm er mit Der Wahlbruder (1855) einen neu­en glücklosen Versuch. Auerbachs populärstes Drama, so könnte man sagen, schrieb nicht er selbst, sondern Charlotte Birch-Pfeiffer, die seine Dorfge ­schichte Die Frau Professorin in das Erfolgsdrama Dorf und Stadt transfor­mierte. Gerade weil Selbmanns Darstellung durch luzide Lektüren und er­hellende Anmerkungen überzeugt, wünscht man sich, er hätte sie auf solche vergessenen Konstellationen ausgedehnt und in diesem Sinne mehr Auer­bach gewagt. Philipp Böttcher 4 Theodor Fontane: Hugo Bürger: Aus der Großstadt[485b], Kritik vom 21.4.1883. In: GBA Theaterkritik 1870–1894. Band 3: Kritiken 1883–1894 und weitere Texte. 2018, S. 53–60, hier S. 59.