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in geheimster Verborgenheit versteckte, würde ich ihn denn nicht sehen?"
Wieder sah der Raw dem Fragesteller scharf in die Augen. Sollte er sich doch getäuscht haben? Die Antwort auf diese Frage kennt jedes jüdische Schulkind aus der Erklärung Raschis zur Stelle. War der Fragesteller wirklich ein Meschummod, ein durch die Taufe dem Judentum abtrünnig Gewordener, dann mußte er die Frage noch von der Schulbank her kennen, dann mußte er wissen, daß er etwas zu Triviales, Alltägliches fragte, um aus der Antwort einen Schluß auf die Gelehrsamkeit des Antwortenden ziehen zu können. War er aber kein geborener Jude — nein, dieser Gedanke war nach dem Blick, dem Mienenspiel, der Haltung und dem ganzen Gebühren des Obersten ganz ausgeschlossen. Der Raw beschloß, sich darüber Gewißheit zu verschaffen.
„Die Frage," entgegnete der Raw, „ist eine schwierige,' jedoch nur für denjenigen, der die Bibel lediglich aus der Uebersetzung kennt. Wer sie im hebräischen Original zu lesen versteht, der weiß, daß das Wort, in welches sich die Frage: Wo bist du ? kleidet, nicht nur die Frage nach dem örtlichen Aufenthalt bedeutet. Sie hat Hierüberhaupt nicht so sehr den Sinn einer Frage als den eines Ausrufs und bedeutet soviel als: Wo bist du hingelangt! Ich habe dir eilte ganze Welt zur Beherrschung und zum Genüsse zu Füßen gelegt, einen einzigen Genuß habe ich dir versagt, und gerade ihn zu kosten hat's dich ge-
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