unseren Heiland und Erlöser, dem wir nur unter der Voraussetzung seiner wahren Menschheit, die mit seiner Gottheit unvereinbar ist, nacheifern können. - 6 . Darum ist es die Aufgabe der Geistlichen, in Predigt und Unterricht das wahrhaftige Menschenbild Christi dem religiösen Bedürfnis der Gegenwart nahe zu bringen und von der dogmatischen Unnatur frei zu machen.
Bei der Diskussion über diese Thesen erhob sich allerdings eine Minoritätsopposition von Seiten der Mittelpartei, machte aber so weitgehende Konzessionen, daß das Resultat die Erkenntnis war: Sie sind nicht ferne von uns. Eine eigentliche Orthodoxie war nicht vertreten. Überaus wohltuend war es, den Geist der Liebe und Toleranz zu beobachten, in welchem die ganze Debatte gehalten wurde, und kommt diese erfreuliche Erscheinung gewiß nicht wenig auf Rechnung des Vorsitzenden, General-Superintendenten D. Schwarz, der wieder einmal in glänzender Weise sein Talent als geistiger Führer entfaltete und Zeugnis davon ablegte, wie freisinnige Entschiedenheit, religiöse Wärme und tiefes theologisches Wissen harmonisch beieinander wohnen können. Alle insgesamt schieden sicher mit dem Wunsch, daß Gott diesen verdienstvollen Mann noch recht lange zum Segen unserer Kirche und für die Sache der Glaubens- und Gewissensfreiheit erhalten möchte.«
Wir begreifen es, daß das Protestantenvereins-Organ seine Freude daran hat, fast die ganze Geistlichkeit einer Landeskirche sich zu denen gesellen zu sehen, welche die Gottheit Christi leugnen. Für andere Leute kann es nur schmerzlich sein, zu sehen, wie in dem Lande der Ernestiner die Irrlehren des modernen Unitarismus immer mehr um sich greifen und an Macht gewinnen. Wenn aber auf diese Weise eine Kirchengemeinschaft sich in der großen Mehrzahl ihrer geistigen Leiter und Diener offen lossagt nicht nur von den Bekenntnissen der Reformation (Augsb. Konf. Art. I und III), sondern auch von dem für die gesamte Christenheit gültigen Apostolicum, so löst sic sich damit auch aus der geistigen Gemeinschaft der deutschen evangelischen Kirchenkörper los. Sic scheidet aus der militärischen Kirche aus und tritt zu den Unitariern über.
«Neue General-Superintendenten «
Berlin, 24. November. Wer cs noch nicht wissen sollte, von welcher Erbitterung gegen alle positiv gerichteten Persönlichkeiten und Lebensäußerungen in der evangelischen Landeskirche die Protestantenvereinskreise erfüllt sind, und mit welchem Ingrimm dieselben insbesondere die hiesigen Hofprediger und namentlich den D. Kögel angreifen, der kann cs aus der neuesten Nummer der »Protestantischen Kirchenzeitung« ersehen. An ihrer Spitze bringt sie unter der Überschrift: » Neue General-Superintendenten « einen Artikel, der wörtlich also lautet:
»Wie nicht anders zu erwarten, sucht der Chef der siegreichen Synodalmajorität die Herrschaft seiner Partei dauernd zu befestigen und auszubreiten. Auf die Vize-Präsidenten- stelle in der Generalsynode hat er ebenso wie auf die nominelle Oberleitung seiner Fraktion während der Kampagne aus guten Gründen verzichtet. Er konzedierte den Konfessionellen die Erhöhung des harmlosen Rübesamen, um ihre allzu unpolitische und ungeschickte Opposition gegen das Kirchenregiment desto besser mit diplomatischer Abschwächung seinen Zwecken dienstbar machen zu können und sich nicht selbst außer Gefecht stellen zu müssen; und er übergab das Fraktionskommando dem Landrat a. D. v. Wedell und dem Geh. Ober-Rcg.-Rat de la Croix, um in Blättern seiner Farbe die Bezeichnung »Hofpredigerpartei« und »Kögelianer« mit einem Schein des Rechts ablehnen zu dürfen. Freilich nur mit einem Schein des Rechts. Denn für jeden Augenzeugen war es klar, wer die Scharen der »Positiven« zu Angriff oder Abwehr führte, wer im Sturm gegen Herrmanns Werk wie im sanften Säuseln des Vertrauensaustausches mit Hermes der Spiritus rcctor der Majorität war. Daraus erhellt schon, daß die kalte rücksichtslose Entschlossenheit, die dem vielgewandten Kirchenmanne eignet, mit kluger Berechnung und Zurückhaltung gepaart ist. Aber das ethische Ideal der Selbstbescheidung und Selbstverleugnung ist so ziemlich das Gegenteil jener diplomatischen Reserve, die andern die geringere Ehre gönnt, weil sie die größere schon im eignen Garten reifen sieht. Die Zeit der Ernte ist jetzt da. Beim
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