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E. Haase.
Richtungen. Unter diesem Hochwipfel wallt eine stetige Wellenbewegung innerhalb des Christentums auf und ab, bald die Betonung der Lehre, bis sie in ödestem Dogmentum verknöchert, bald — als ihr Rückschlag — die Verinnerlichung des Glaubens und seine praktische Betätigung in der Nächstenliebe; darauf folgt wieder die Errichtung des Lehrgebäudes und danach ebenso naturgemäß die vertiefende Anwendung auf Seele und Lebensführung. Es entwickelt sich Scholastik, gipfelnd in dem lückenlosen Lehrbau des Thomas von Aquino, und daneben die Mystik, später wieder parallel, Orthodoxie und Pietismus. Bei Luther führt die SeelenqUal, „einen gnädigen Gott zu kriegen“ zum Studium, dann zur Reformation der Lehre und des Lebens, danach spitzt sich das Wortwesen so sehr zu, daß den milden Melanchthon der Tod a rabie theologorum erlöste. Später um die Jahrhundertwende 1800 unter dem Einfluß der Not und Befreiung folgte der Umschlag so schnell, daß Schleiermacher 1821 die Neu-Ausgabe seiner „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (von 1799) nun meinte vielmehr richten zu müssen „an Frömmelnde und an Buchstabenknechte, an unwissend und lieblos verdammende Aber- und Uebergläubige.“ Und heute sehen wir in der sogenannten positiven Richtung fast Pietismus und Orthodoxie verschmolzen im Gegensatz zum Liberalismus; immer noch wiederholen sich die Wallungen. Daß sich die Wellen senken und heben, das ist eben des Meeres Leben! Das Ideal bleibt: reine Lehre mit entsprechendem Gemütsleben und starker sittlicher Betätigung, und, wie Professor Hunzinger auf dem Nürnberger Kongreß 1911 ausführte: die Theologie werde wieder kirchlich und die Kirche wieder theologisch.
An solchen Wellenbewegungen nahm, bewußt oder unbewußt, wollend oder nur mitgetrieben, im Herzen Deutschlands die Mark teil, auch am Pietismus, der zu ihrem mehr klarnüchternen Charakter im Gegensätze zu stehen scheint; die Mark liegt in der Mitte, und schon Tezels Liebeswerben 1517, das den Anstoß zur Reformation gab, knüpft sich an Jüterbog an der Markgrenze. Wie konnte der Pietismus in der Mark wurzeln? Gewiß einerseits wegen der durchaus praktisch gerichteten Art der Märker, und; andererseits durch das kraftvolle Hervortreten starker Persönlichkeiten, die mit Lehre, Predigt und Leben Fürst, Adel und Volk, wollend oder zunächst widerstrebend, für den Pietismus gewannen. Praktisch war der ältere Pietismus durchaus auf verstärktes Innenleben und tatkräftige Wirkung gerichtet.
Es handelt sich um die Zeit von 1675 an, da der milde und im edelsten Sinne fromme Spener seine Pia desideria als Vorrede einer neuen Ausgabe von Arndts Postille in die Welt gehen ließ, das klar umrissene Programm seiner gesamten Wirksamkeit: jeder Einzelne nehme sein geistliches Priestertum in Anspruch, forsche in Gottes Wort, unterrichte, ermahne, tröste die Hausgenossen und sorge für ihre Seligkeit, jeder wirke sein Christentum in tätiger Liebe aus; die Prediger sollen nicht ihre Kraft setzen in unnützen