Heft 
(1917) 25
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E. Haase.

Richtungen. Unter diesem Hochwipfel wallt eine stetige Wellenbewegung inner­halb des Christentums auf und ab, bald die Betonung der Lehre, bis sie in ödestem Dogmentum verknöchert, bald als ihr Rückschlag die Verinner­lichung des Glaubens und seine praktische Betätigung in der Nächstenliebe; dar­auf folgt wieder die Errichtung des Lehrgebäudes und danach ebenso naturgemäß die vertiefende Anwendung auf Seele und Lebensführung. Es entwickelt sich Scholastik, gipfelnd in dem lückenlosen Lehrbau des Thomas von Aquino, und daneben die Mystik, später wieder parallel, Orthodoxie und Pietismus. Bei Luther führt die SeelenqUal,einen gnädigen Gott zu kriegen zum Studium, dann zur Reformation der Lehre und des Lebens, danach spitzt sich das Wortwesen so sehr zu, daß den milden Melanchthon der Tod a rabie theologorum erlöste. Später um die Jahrhundertwende 1800 unter dem Ein­fluß der Not und Befreiung folgte der Umschlag so schnell, daß Schleier­macher 1821 die Neu-Ausgabe seinerReden über die Religion an die Ge­bildeten unter ihren Verächtern (von 1799) nun meinte vielmehr richten zu müssenan Frömmelnde und an Buchstabenknechte, an unwissend und lieblos verdammende Aber- und Uebergläubige. Und heute sehen wir in der soge­nannten positiven Richtung fast Pietismus und Orthodoxie verschmolzen im Gegensatz zum Liberalismus; immer noch wiederholen sich die Wallungen. Daß sich die Wellen senken und heben, das ist eben des Meeres Leben! Das Ideal bleibt: reine Lehre mit entsprechendem Gemütsleben und starker sitt­licher Betätigung, und, wie Professor Hunzinger auf dem Nürnberger Kon­greß 1911 ausführte: die Theologie werde wieder kirchlich und die Kirche wieder theologisch.

An solchen Wellenbewegungen nahm, bewußt oder unbewußt, wollend oder nur mitgetrieben, im Herzen Deutschlands die Mark teil, auch am Pietismus, der zu ihrem mehr klarnüchternen Charakter im Gegensätze zu stehen scheint; die Mark liegt in der Mitte, und schon Tezels Liebeswerben 1517, das den Anstoß zur Reformation gab, knüpft sich an Jüterbog an der Markgrenze. Wie konnte der Pietismus in der Mark wurzeln? Gewiß einer­seits wegen der durchaus praktisch gerichteten Art der Märker, und; andererseits durch das kraftvolle Hervortreten starker Persönlich­keiten, die mit Lehre, Predigt und Leben Fürst, Adel und Volk, wollend oder zunächst widerstrebend, für den Pietismus gewannen. Praktisch war der ältere Pietismus durchaus auf verstärktes Innenleben und tatkräftige Wirkung gerichtet.

Es handelt sich um die Zeit von 1675 an, da der milde und im edelsten Sinne fromme Spener seine Pia desideria als Vorrede einer neuen Ausgabe von Arndts Postille in die Welt gehen ließ, das klar umrissene Programm seiner gesamten Wirksamkeit: jeder Einzelne nehme sein geistliches Priester­tum in Anspruch, forsche in Gottes Wort, unterrichte, ermahne, tröste die Hausgenossen und sorge für ihre Seligkeit, jeder wirke sein Christentum in tätiger Liebe aus; die Prediger sollen nicht ihre Kraft setzen in unnützen