Wie konnte der Pietismus in der Mark wurzeln?
69
und gefährlichen Streit gegen Andersgläubige, sondern in Erweckung des inneren Menschen, der seine Glaubenskraft in Lebenswerken betätige. Der Pietismus besitzt keine offiziellen Lehrschriften oder Grundsätze für Dazugehörigkeit, die sein Wesen klar erfassen ließen, und die private Literatur ist sehr ungleich, asketisch, subjektivistisch unruhig. Man unterscheidet am besten zwischen dem älteren Pietismus, der wirkliche Frömmigkeit, Bibelforschung, christliche Sittlichkeit, bezweckte, und dem späteren entarteten, der, abhold der wissenschaftlichen Forschung, die Bibel nur als Erbauungs- buch behandelte, zu kopfhängerischem, tatenscheuen Wesen, zu heuchlerischem Pharisäertum und geistlicher Hoffahrt führte. Der erstere mit dem Ziel kräftiger Betätigung des Glaubens war den gründlichen und praktischen Anlagen der Märker gar wohl angemessen. Was nützt das bloße Auswendiglernen des Lutherschcn Kathechismus, was das Schelten und Klagen über Andersgläubige auf der Kanzel, wie es zum bekannten Edikt des Großen Kurfürsten führte? Man wollte Trost und Kraft für Leben und Tod. Wer Tholucks „Kirchliches Leben des 17. Jahrhunderts“ liest, begreift, wie sich der praktische Sinn der Märker gegen die endlos langen fruchtlosen Predigten an Sonn- und Festtagen und noch an mehreren Wochentagen endlich wehren mußte. Unendlich viel geschlafen wurde unter den Kanzeln zum Verdruß des Predigers. Tholuck berichtet z. B., daß ein Pfarrer Lassen (J" 1692) einen Schläfer zu wecken, auf diesen sein geballtes Taschentuch schleudert. Einem Major wurde in der Leichenpredigt nachgerühmt, man habe den großen Mann niemals in der Kirche schlafen gesehen. Wer erst die Augen auftat, verurteilte auch den Mißbrauch der Beichte, der den Beichtpfennig leicht zum Ablaßpfennig stempelte, die vielen Predigten in der Woche, das furchtbare Warten der Beichtkinder oder deren gleich dutzendweise Behandlung mochte dem Denkenden gleich unfruchtbar und unwürdig erscheinen. Einmal machten 50 Berliner Bürger eine Eingabe um Dispensierung von der Privatbeichte. Spcner, der mit Luther die contritio für die erschrockenen Gewissen zart und tief auffaßte, konnte sich nicht zur Unterstützung dieses Gesuchs entschließen. Wie in der Kirche kein Trost gespendet ward, so ging von ihr auch keine Lebenskraft aus. Ohne Sinn und Bedeutung war das Dasein, wenn es, wie vor und in der Zeit des 30jährigen Krieges, sich in üblem Genußleben, ja in ausschweifender Ueppigkeit vollzog. Despotismus und dabei Luxus und Trunksucht führte an den protestantischen Höfen das Szepter, Fürsten und der bevorzugte Adel gab oft das böseste Beispiel, dem man blindlings folgte, meinte doch manch Vornehmer, die 10 Gebote seien nur für den armen Bürger und Bauer gegeben. Schwelgerische Gastereien währten bis in die tiefe Nacht, selbst manchmal in der Kirche nach dem Gottesdienst wirkten Komödianten, Fechtmeister, Affen- und Bärenführer. Während in Hessen z. B. noch um 1530 Branntwein in den Apotheken verkauft wurde, klagt 1675 der Generalsuperintendent von Weißenfels, Olearius, über das abscheuliche Zutrinken, auch an die Geistlichen. Ueberhaupt rieh-