Heft 
(1917) 25
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E. Haase.

tete die üble deutsche Sitte oder vielmehr Unsitte des Zutrinkens schon da­mals viele zugrunde. An manchen Orten ward sogar der gefordert, der nicht Zuspruch tat. Boten vereinzelte Fürstenehen auch noch ein liebliches, pa­triarchalisches Bild, etwa die Philipps II. von Pommern und seiner Sophie, Georg I. von Sachsen und der Sibylle, so waren das Ausnahmen, und leider lag, wie besonders eine Denkschrift von 1641 bezeugt, auch in Brandenburg Hof und Adel in tiefer Verderbnis. So müßte dem Wirklichkeitssinn der Märker die gründliche Besserung des Lebens, die Umkehr vom Genuß zur nützlichen Arbeit, Zusagen, wie der ältere Pietismus sie anstrebte; und noch viel mehr dessen kraftvolle Betätigung. Durch religiöse Unterweisung wurde die religiöse und sittliche Volkserziehung bezweckt, und nach Franckes Vor­bild wurden durch den Einfluß des Pietismus manche Erziehungsanstalten aus privaten Mitteln gestiftet, die noch heute auch im Besitz ausgedehnter Mittel, in hoher Blüte stehen, und aus denen tüchtige und einflußreiche Männer hervorgegangen sind und noch hervorgehen, vor allem das Pädago­gium in Züllichau.

So war dem praktischen Pietismus der Boden bereitet, und nun brauchte man kräftige und mutige Männer, die da lebten, was sie glaubten, und vertraten, was sie für recht erkannten; man verlangte bei denen, die andere zu bessern bestimmt sind, Sittenstrenge und nicht unpraktischen Dog­matismus. Die hier Einflußreichen konnten zunächst nur die auf diesem Gebiet Wissenden sein, die Geistlichen, die wiederum Fürsten, Adel und Volk beeinflußten, die oft viel angefeindeten Hofprediger der Fürsten. Längst erlahmt war das Interesse an den dogmatischen Formeln, und nun bot der Pietismus, was die Landeskirchen nicht boten. Sobald die Fürsten für die vertiefte Religiosität gewonnen waren, drang der Einfluß in die weitesten Kreise. Welche unabsehbaren Kraftwirkungen mußten 1729 von Friedrich Wilhelms I. Edikt ausgehen, das alle Theologen seines Landes zwei Jahre in Halle, dem Herd des Pietismus, studieren hieß; welcher Einfluß auch vom Pädagogium der Franckeschen Stiftungen, wo in etwa 50 Jahren 25 Grafen und 69 Freiherren Zöglinge gewesen! Dazu kam der ausgedehnte Briefwechsel der leitenden Männer, ihr Rat bei Unternehmungen und Stif­tungen. Ewig ist zu beklagen, daß der hohe sittliche Ernst für die Gestaltung des praktischen Lebens und die milde und tiefe Innerlichkeit des älteren Pie­tismus später Kraft und Tiefe verlor und entartete. Wie viel weiter und schattengebender hätte sich schon damals der Baum der inneren und äußeren Mission über Deutschland, ja über die Welt breiten können!Es sind große Dinge, die wir dem Pietismus verdanken, so urteilt Reinhold Seeberg,ein bleibender Fortschritt über die Orthodoxie hinaus, Vertiefung und Bereiche­rung des Lebens. Spener hat auch ein geschichtliches Bewußtsein davon gehabt, daß er eine nicht geringe Zahl konkreter Anregungen der reformierten Frömmigkeit verdankt und hat eine Anzahl wertvoller Motive des reformierten Kirchentums in das Luthertum eingeführt. Es hat also gewiß auch der Um-