Wie konnte der Pietismus in der Mark wurzeln?
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stand, daß vor allem das brandenburgisclie Herrscherhaus reformierter Konfession war, mitgewirkt, dem Pietismus in der Mark den Boden zu bereiten. Leider muß man den Wirkungen des späteren Pietismus zuschreiben, wie ebenfalls Seeberg bemerkt, daß man zwar Frömmigkeit und ernstes Christentum pflegen will, sich aber gegen eine fortschreitende theologische Erkenntnis mißtrauisch und ablehnend verhält.
Unter den für die Vertiefung von Glauben und Leben wirkenden starken Persönlichkeiten nimmt natürlich Philipp Jakob Spener die erste Stelle ein. „Nicht der Urheber des Pietismus ist Spener“, so urteilt Tholuck, „sondern durch Persönlichkeit und Gaben, dessen wirksamster Vertreter und Förderer. Seine pia desideria sind nicht eine vereinsamte Klagestimme über den Trümmern von Jerusalem, sondern der Grundton von unzähligen gleichzeitig angeschlagenen Akkorden.“ So war es ein Signal für alle Gleichgesinnten; schon vor Sp ener klagt eine brandcnburgische Verordnung 1662, daß die Geistlichen ihre Glaubens- und Lebenslehren nicht aus der Bibel begründen können, sondern die Bibel viel mehr studieren sollen. Anderswo wird gefordert, daß die Geistlichen ihre Predigten fleißig ausarbeiten, sie dann durch Sprüche erbaulich machen und nicht durch weltliche Geschichten und weitere Abschweifungen verwässern. Speners kraftvolle Persönlichkeit, deren Grundzug indes Demut und Bedächtigkeit war, wirkte sich in weiten Kreisen aus, oft zunächst nicht unmittelbar. In Dresden, wohin er von Frankfurt a. M. 1686 als Oberhofprediger kam, wurde er stark angefeindet, und in Berlin besaß er weder des Königs noch der Königin Vertrauen; dennoch wirkte er hier an der Nikolaikirche seit 1691 bis zu seinem Tode 1705 in großem, Segen, also weniger durch hohen amtlichen Einfluß als durch seine wirklich fromme Persönlichkeit, der in Lehre und Leben kein Makel nachgewiesen werden konnte. Mit frommer Bedächtigkeit schonte er fremde Gewissen da, wo er unerträgliche Irrungen in der Lehre mit dem Ernste christlichen Lebens verbunden sah; das ernste Trachten nach der Heiligung macht er zum Ziel und verlegt damit den Schwerpunkt im christlichen Urteil. Indem Spener in Berlin die Katechismus-Examina mit Kindern und Erwachsenen fortsetzte, scheint er schon gleich zu Anfang seiner Berliner Tätigkeit den Anstoß zu des Kurfürsten Edikt 1692 gegeben zu haben, das die sonntäglichen Kate- chisationen in den Landgemeinden anordnete. Auch geschah die Einbürgerung der Konfirmation als kirchlicher Sitte unter wesentlicher Mitwirkung des Pietismus. Wenn die heilige Schrift zurückgewonnen wurde, so gab doch später die Uebertreibung den Schulen die Bibel als Leselern- und Uebungs- buch in die Hand, und wenn Spener und Francke die weltlichen Laster bekämpften, ward später die Welt selbst für gottfeindlich gehalten, und so ward eben infolge der Entartung des Pietismus weder die Ausbildung für Innere Mission und soziale Arbeit noch auch die Krankenpflege durch das Franckesche Waisenhaus in dem Maß gefördert, wie man hätte erwarten sollen. Friedrich Wilhelm I. war als Kronprinz kein Freund dieser Stiftung,