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E. Haase. Wie konnte der Pietismus in der Mark wurzeln?
wurde aber später ihr wärmster Verteidiger. „Wenn ich baue und verbessere das Land und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts!“ Außer Spener kommt nun am brandenburgischen Hofe noch Porst in Betracht, der Urheber des vielverbreiteten Gesangbuchs. Diesen wählte Friedrichs I. dritte Gemahlin, Sophie Luise von Mecklenburg, zum Beichtvater, der täglich im Kabinett des Königs Erbauungsstunden hielt und zweimal wöchentlich im königlichen Saal predigte. Auch Blankenburg, der Nachfolger Speners, hielt biblische Erbauungsstunden, und die Königin erbat sich die Leitung der Armenpflege unter dem Beistand Franckes, den sie aus Halle einlud. Schließlich gehört auch Gottfried Arnold, der nach sturmbewegtem Leben in Werben ein Pfarramt erhielt und die letzten sieben Lebensjahre in Perleberg als Oberpfarrer in Weisheit und Kraft wirkte, unter die einflußreichen Männer in der Mark zu jener Zeit. Seiner ist bei Gelegenheit seines 200jährigen Sterbetages eingehender gedacht. Noch heut sind seine Kirchenlieder erbaulich und kraftvoll, vor allen das viel gesungene „O Durchbrecher aller Bande“. Wenn die starken Persönlichkeiten der Redner des älteren Pietismus bei Fürst und Adel, Volk und Familienkreis dem Bibelforschen und der religiösen Vertiefung dieser Richtung Bahn gebrochen haben, so muß zum Schluß als einer mehr von innen wirkenden Kraft auch des Kirchenliedes gedacht werden. Einst gewann die Reformation gerade dadurch Boden, daß das deutsche Kirchenlied, uns von Luther geschenkt, von den Zünften eingeübt und draußen wie drinnen vorgetragen wurde; acht Lieder nur enthielt das erste, vierundzwanzig schon das zweite deutsche Gesangbuch. Gesanges- - freudig wie das deutsche Volk allüberall, so weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt, ist auch die Mark. Reiche Saat der Erneuerung im Geiste, des Gemüts und der Entschlüsse zu edlem Tun streuten fromme Dichter mit tiefempfundenen Worten nach weichen, wohlklingenden Weisen aus. Speners Freund Schade, Diakonus in Berlin, sang „Meine Seel’ ist stille“, Samuel Rodigast, Rektor am Grauen Kloster, dichtete „Was Gott tat, das ist wohlgetan“, und gewiß sang und liebte man in der Mark auch die Lieder von weit und breit, die innigen Herzensergüsse von Zinzendorf und Scheffler, auch wo sie schon an geschmacklose Gefühlsüberschwenglichkeit streifen, und später die Dichtungen von Benjamin Schmolk, der in Kraft und Innigkeit die christlichen Feste besang, und endlich des frommen Gerhard Tersteegen, der uns die Lieder „Gott ist gegenwärtig“, „Jauchzet, ihr Himmel“, „Ich bete an die Macht der Liebe“ und viele andere gleich schöne geschenkt. Das geistliche Volkslied drang in die Häuser ein und ward zum Allgemeinbesitz. An der Entartung des Pietismus zu Gefühlsüberschwang und ungesunder Schwärmerei dagegen scheint die Mark nicht oder nur wenig teilgenommen zu haben, wiewohl sich das im einzelnen natürlich nicht beurteilen läßt. Davor bewahrte sie zugleich auch das hochgesinnte, tatenfrohe Hohenzollernhaus im Herzen sowohl der Mark, als auch ganz Deutschlands.