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Rudolf Schmidt,
beigelegt hatten, versuchen. Hätten sie diese tiefe Rinne nur erst erreicht, dann dem Vater nach, sei es auch der Vernichtung zu; nur nicht in der Gewalt, in der Sklaverei der Menschen bleiben!
Die Nymphe vom Göllner See hatte sich bald zum Fluchtweg (des Vaters, zur Röhrike, durchgewühlt. Doch da der Erdboden zwischen Blankenfelde und Wedel voller großer Steine war, konnte sie keine tiefe Rinne für schnelles Entfliehen schaffen. Die Menschen bemerkten bald ihr und ihrer kleineren Schwestern Entrinnen und zwängten den Ausweg, den sie nicht mehr ganz verlegen konnten, gar eng zusammen. Noch übler erging cs der Nymphe aus dem Manteler See und denjenigen Schwesternymphen, welche sich an diese geschlossen hatten. Diese gerieten in zähe Lehmhügel hinein und hätten die Röhrike-Rinne schwerlich erreicht, wenn nicht schließlich zu guter Letzt die befreundete Nixe des kleinen Sees bei Reichenfelde ihnen unter der Erde zu Hilfe gekommen wäre. Auch 'dieser Gewässer Abströmeti zu hemmen, wurde den für ihren Vorteil sehr aufmerksamen Menschen nicht schwer.
Umsonst zürnten die Nixen; die übermächtigen Menschen zwangen sie, nicht nur am Leben und im Lande zu bleiben, sie benutzen sogar noch ihre Kräfte zu allerhand Dienstleistungen. Mögen die Nixen in herber Verzweiflung und überströmender Wut reichlich Tränen vergießen, mögen solcher Tränen Wogen durch die engen Ufer hinrasen, so schnell es gehen mag, und über die Wehre brausen: das sind und bleiben nur Trauer- und Sehnsuchtsbotschaften, von den Töchtern dem Vater nachgesandt. Die Nymphen selbst müssen an ihren Quellstätten bleiben, die Macht und Kunst der Menschen hält sie fest im Gewahrsam. Unbekümmert um ihre Trauer lassen die Menschen sie das ganze Jahr hindurch weinen, so viel sie wollen. Sie wissen ja, je mehr die Nixen extra von dem ihnen zu Gebote stehenden Wasser aufwenden, je schärfer müssen dieselben hernach arbeiten und am schärfsten im Sommer. Denn das Nebellinnen, mittelst dessen die Nixen im Lande ringsum Feuchtigkeit erhalten, um wiederum aus dem Lande Wasser als Nahrung für sich selbst herbeizuholen, muß auf alle Fälle fertig sein. Sonst versiegten die kleinen Tümpel und Teiche, deren jeder einer Nixe Wohnung gewährt, und, allmählich ins Trockene geratend, würde solch eine Nixe eines qualvollen Todes sterben. Hiervor hat die Nixe eine gerechtfertigte Scheu. Und so arbeitet sie denn für ihr bischen Leben, spinnt und webt in einem fort am Nebellinnen, hält hiermit gleichzeitig die Wiesen, die Felder, die Bäume für die Menschen feucht. Und weint sie aus Verdruß und Todessehnsucht, wie gesagt, die rinnenden Tränen sogar müssen den Menschen dienen, ihnen Flöße tragen, Mühlen treiben und anderes mehr am Mantelfließ, Röhrike- bach und manchem anderen kleinen Rinnsal leisten.
Zur Sommerzeit kann man im Mondenschein viele kleine Nixen in weißen Gewändern auf den Seen, Teichen und Tümpeln von Blankenfelde,