Heft 
(1917) 25
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12. (7. aulierord.) Versammlun^des XXV. Vereinsjahres.

Daß ferner der Eigenton des Holzes, den man durch Klopfen feststellt, mit- spricht, versteht sich von selbst. Aber die praktischen Untersuchungen alter Geigen ergaben in dieser Beziehung kein festes Gesetz. So ist es mit allen diesen Einzelheiten.

Die Geige ist vielmehr als ein Organismus zu betrachten, eine Art von Mikrophon, das den Schwingungen, welche durch den Bogenstrich erzeugt werden, zu größerer Tonwirkung verhilft. Dies geschieht dadurch, daß die Saitenschwingungen durch die Füße des Steges auf den fast freischwingenden Teil der Decke zwischen den F-Löchern vermittelt werden, wodurch das Luft­volumen des ganzen Geigenkörpers in kräftige Mitschwingung versetzt wird. Die Linienresonanz der Saite wird also in eine Flächenresonanz der Decke und diese in eine Raumresonanz des Geigenkörpers verwandelt, sodaß die Luftschwingung des Innenraumes durch diese F- Löcher die äußere Luft zum Mitschwingen bringt, das dann an unser Ohr gelangt.

Durch diesen Vorgang ist es möglich, daß selbst die feinsten Obertönc, beruhend auf minimalen Schwingungen, deutlich und klar von dem Ohre empfunden werden können. Die wissenschaftliche Untersuchung des Zweckes der sogenannten Stimme oder Seele der Geige bestätigt dieses auf das Be­stimmteste. Ebenso, wie der Zweck des Baßbalkens und der übrigen Einzelteile. Sie alle sind nur notwendige Glieder einer Gesamtheit und kön­nen, losgelöst von dieser, niemals die Güte eines Instrumentes für sich allein bewirken.

Die Geige entstand um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Wahrscheinlich in Brescia in den Kreisen des Caspar da Salö, von dem die Kgl. Samm­lung ein Instrument besitzt. Die früher viel genannten Tieffenbrucker-Geigen aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts haben sich als Fälschung herausgestellt. Solche Fälschungen setzten beim Verfall des Geigenbaues mit Macht ein und werden jetzt ganz offen durch die Massenfabrikation von Mittenwald und Markneukirchen betrieben. Der Vortragende zeigte mehrere Druckbogen mit gefälschten Zetteln fertig zum Einkleben vor.

Die Violine ist aus der Viola hervorgegangen, von der sie sich durch Wölbungen der Decke und des Bodens, durch eine geringere Zahl von Saiten u. a. unterscheidet. Solche Violen wurden in den verschiedensten Größen hergestellt und hatten eine Menge von Abarten, wie die Viola da braccio (unsere heutige Bratsche). Die Viola da gamba, die Viola dAmore, die Viola di bordone (Bariton) u. v. a., von denen allen die Musikinstru- mentensammlung kostbare Vertreter aufweist. Ebensowenig fehlt es ihr an Seltsamkeiten, wie z. B. einer Doppelgeige, Geigen von Eisen, Porzellan und gebranntem Ton, Geigen in den wunderlichsten Formen, ja sogar einer Geige, die vollständig aus angebrannten Streichhölzern gebaut ist. Das sind Auswüchse des Geigenbaues, die nur beweisen, welch großes Interesse man zu allen Zeiten diesem Instrumente entgegen gebracht hat.