Heft 
(1917) 25
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1>. (7. außeroril.) Versammlung iles XXV. Vereinsjahres.

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bilden oder zu neuen Ideen Anregung gegeben. Denn mancher Erfindung, die seinerzeit technisch nicht vollständig durchgeführt werden konnte, kann mit unseren weiter entwickelten Hilfsmitteln zu größerer Nutzbarkeit ver- holfen werden. Daß auch die Musikwissenschaft und nicht zuletzt die bil­denden Künstler, also Maler und Bildhauer, hier Belehrung und Anregung suchen, sei noch bemerkt, aber auch der Musikfreund und Laie findet hier manches, was ihm zur Erweiterung seiner Anschauungen dienen kann.

Vortrag,

gehalten von dein Univ.-Prof. Dr. Oskar Fleischer, Vorsteher der Königl. Sammlung alter Musikinstrumente zu Berlin, am 4. Dezember 1916

Ueber Geigenbau.

Gute alte Geigen von berühmten alten Meistern stellen heute bekanntlich' ganz bedeutende Werte dar. Echte Stradivari-Geigen, selbst von schlechter Haltung pflegen mit 10 15000 Mark bewertet zu werden. Die besterhal­

tenen steigen sogar bis zu 60000 und 80000, ja bis zu 100000 Mark. Diese Preise scheinen in keinem Verhältnis mehr zu dem wirklichen Werte zu stehen, verdanken häufig auch nur äußeren Umständen ihre Entstehung. Aber in der Tal haben die alten Meistergeigen für die Virtuosen unschätzbaren Wert, da die heutigen Instrumentenbauer nicht mehr imstande sind, Gleich­wertiges zu leisten. Schon deshalb nicht, weil wir heutzutage nicht inehr das alte vortreffliche Holzmaterial besitzen, das den norditalienischen Geigen­bauern um Cremona und Brescia zur Verfügung stand. Die heutigen sprechen selbst von einem verloren gegangenen Geheimnis dieser alten Meister. Sie sind auf das Nachbilden der überkommenen Formen angewiesen und es ist bekannt, daß eine Kopie selten das Original erreicht. Jedenfalls aber fehlt ihr der schöpferische Zug, der den Gegenstand erst zum Kunstwerke erhebt.

Ueber das Geheimnis der alten Geigenbauer ist viel geforscht und ge­schrieben worden. Bisher ohne ein befriedigendes Ergebnis. Die einen fanden das Wesentliche, in der Kunst des alten Geigenbaues im Lack, dessen Zusammensetzung auch die moderne Chemie nicht hat feststellen können. Die anderen glaubten das eigentliche Geheimnis in dem Verhältnis derKlopf­töne von Boden und Decke des Instrumentes entdeckt zu haben, wieder andere suchten es in dem Größenverhältnisse einzelner Teile, und jeder meinte gerade in der von ihm beliebten Einzelheit das Wesentliche des alten Geigen­baues gefunden zu haben. Geht man aber diesen Einzelheiten nach ihren Zwecken und Wirkungen nach, so ergibt sich, daß nur in der Gesamtheit die Kunst der Alten gelegen haben kann. Der Lack z. B. dient nur dem Schutze des Holzes gegen Witterungseinflüsse, kann also eine schlechte Geige nicht zu einer guten machen. Daß der Lack außerdem dem Instru­ment noch zu besonderem Schmuck gereicht, steht dabei in zweiter Linie.