Heft 
(1924) 33
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Die Bedeutung der kirchlichen Altertümer des Märkischen Museums für die mittelalterliche

Kulturgeschichte der Mark Brandenburg.

Von Dr. GUSTAV ABB, Bibliotheksrat an der Preuß. Staatsbibliothek.

Die Aufgabe unseres Heimatmuseums, den Entwicklungsgang der

Kultur auf dem besonderen märkischen Boden zu veranschaulichen, stößt für das Mittelalter auf große Schwierigkeiten. Sie ist kaum zu lösen. Das liegt mit an der zentralen Stellung, die im Leben des mittel­Wie sie ihn auf das trans­alterlichen Menschen die Kirche einnahm. zendentale Ziel seines Daseins unermüdlich hinwies, wußte sie seine Schaffenskraft in jedem Sinne ihren Heilszwecken nutzbar zu machen, mindestens aber sein Tagewerk mit religiösen Gedanken zu durch­wirken. Die Einheit der Kirchenlehre führte zur Einheit der kirchlichen Lehrmittel. Indem sie Wissenschaft und Poesie, bildende Kunst und Kunstgewerbe in ihren Dienst stellte, schrieb sie ihnen den Gedanken­gehalt und einen Kanon fester Formen vor, die sie, jedes mit seinen Mitteln, zum Ausdruck bringen sollten. Der Universalität entspricht die Uniformität der Kirche und ihrer Altertümer. Die Tradition be­herrschte nicht nur die Theologie und damit das gesamte geistige Leben des Hochmittelalters, sondern gab auch den Künstlern die Form­elemente an die Hand, nach denen sie die Gotteshäuser und die Gegen­stände ihrer Ausstattung zu bilden hatten.

Es bedurfte schon eines stark entwickelten landschaftlichen Eigen­lebens, wenn es den kirchlichen Bauten und Kultgeräten ein Sonder­gepräge verleihen wollte. Davon kann in der mittelalterlichen Mark kaum die Rede sein. Kulturelle Eigenart mit charakteristischen Sitten und Gebräuchen, mit bodenständigem Formenschatz, den eingesessene Meister in ihren Erzeugnissen zum Leben erwecken, entfaltet sich nur innerhalb eines festgefügten Rahmens, mag er nun mehr geographisch, politisch oder ethnographisch beschaffen sein. Eine genügende Zeit­spanne und eine ruhige Beharrlichkeit aller Lebensverhältnisse müssen obendrein ihr Ausreifen ermöglichen.

Alle diese Voraussetzungen fehlten in der Mark Brandenburg. Ihre äußeren Grenzen sind im Mittelalter lebhaften Schwankungen unter­worfen. Die Bodengestaltung gibt ihnen nur auf kurzen Strecken natürlichen Halt. Politisch zeigt das Land bis ins 15. Jahrhundert hinein dauernde Bewegung. In der Völkerwanderungszeit weichen die altgermanischen Bewohner vor der heranflutenden Slavenwelle zurück. Der Versuch des 10. Jahrhunderts, den ostelbischen Boden deutscher und christlicher Kultur wiederzugewinnen, scheiterte in dem großen Wendenaufstand von 983. Das 11. Jahrhundert verlief tatenlos. Erst im zwölften fanden sich Männer, die mit glücklicher Hand Eroberung und Kolonisation zu verbinden wußten und hier ein neues deutsches Territorium schufen. Aber kaum war der Kolonistenstrom zum Stehen gekommen, kaum hatte es sich nach innen und außen ein wenig gefestigt,

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