Heft 
(1926) 35
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äußerster kritischer Zurückhaltung zu begegnen sei; sie hat die Lehre von der Siedlungskonstanz aufgestellt, nach der jeder Ort, solange nicht das Gegenteil urkundlich bewiesen ist, schon einen Vorgänger gehabt hat, der nicht selten in eine ferne geschichtslose Vergangenheit zurückgeht. Häufig sind die Wohnstätten mit geringen Unterbrechungen immer wieder benutzt worden. Eine große Anzahl von Siedlungen ist wohl zerstört und dauernd verlassen worden; die bestehenden aber ruhen mit geringen Ausnahmen auf älteren Wohnschichten.

In Verbindung damit steht die weitere Erkenntnis, daß die großen Handelswege des Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert hinein nicht oder nur unwesentlich verändert worden sind. Die Ursachen dieser Siedlungskonstanz sind in dem geologischen Boden zu suchen, der von vorne herein für die Anlage einer Siedlung bestimmend und weiterhin entscheidend für die wirtschaftliche Tätigkeit der Bewohner war Es lassen sich bestimmte Wirtschaftsschichten unterscheiden, die sich wohl an politische Ereignisse knüpfen können, die aber keines­wegs immer stammesartlich oder volklich bedingt sind Besonders zwei große Gruppen von Siedlungen treten hier hervor: die Agrar-, d. h. Jagd-, Wald-, Wasser-, Acker- und Tierzuchtsiedlungen und die kaufmännisch- gewerblichen Sammelpunkte, die in der Hauptsache -sie chronologisch städtischer Art sind. Ihnen steht eine dritte Gruppe durchwachsend- in der Kult- und Wehrsiedlung zur Seite, die als klösterliche oder kirchliche Anlage oder Burg leicht eine städtische Form angenommen hat und häufig auch zu einem Verwaltungs­mittelpunkt geworden ist. Die befestigte Siedlung hat insofern noch eine besondere Bedeutung, als bei Eroberung eines Landes die Eroberer­welle vor jedem größeren Naturwiderstand gehemmt wird und sich dann in vorhandenen, ausgebauten oder angelegten Anlagen bis zu einem neuen Vorstoß staut. Solche Hindernisse sind unfruchtbare Gebiete, Flüsse, größere Moore, schwer übersteigbare Berge und Meere. Je ferner eine Zeit liegt, um so zahlreicher sind diese Orte zum Atemholen.

Man kann diese Seite der Forschung als historisch- wirtschaftlich bezeichnen, als eine Frage nach den Gründen, die eine Siedlung hat erstehen, aufblühen oder versinken lassen, die aber zunächst nicht Diese letztere Frage ist von dem nach der Gestaltung forscht. Historiker Fritz Ende des vorigen Jahrhunderts aufgeworfen und mit Beschränkung auf sein ostdeutsches Heimatland zu beantworten versucht. Es war kein ganz, neues Problem, das er aufwarf, denn in der Landsiedlung hatte die Grundrißforschung schon bedeutende Ergebnisse gezeitigt; aber er legte die Grundlagen für eine Methode, die für die Entstehungsgeschichte der Städte von großer Bedeutung wurde. Fritz begnügte sich mit der Gegenüberstellung der westlichen Alt- und der jüngeren Kolonialstädte. Andre, besonders Meyer in Braunschweig, sind ihm auf diesem Wege gefolgt und haben nach­gewiesen, daß beide Städtetypen nur extreme Zeitformen sind, die durch mancherlei Uebergänge miteinander in Verbindung stehen, die

getragen von öffentlich- rechtlichen Institutionen, wie sie von Rietschel, von Below, Keutgen u. a. dargestellt wurden sich auch innerhalb einzelner Siedlungen als zeitliche Entwicklungs­stufen zeigen. Diese Lehre wird auch von der jüngeren Architekten­von Stübben, Genzmer, generation vertreten, besonders von Stübben, Klaiber, Brinkmann, Siedler, die einen Stadtorganismus