Heft 
(1926) 35
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nicht nur als eine räumlich- starre Masse, sondern als ein geschichtliches Lebewesen ansehen. Sind es auch zunächst künstlerische Bestrebungen, die sie verfolgen, so haben sie doch manche gute historische Arbeit hervorgebracht, die von der Geschichtsforschung nicht mehr über­sehen werden kann.

Und schließlich meldete auch die Sprach- und Mundartenforschung ihre Forderungen an. Mit der schnellen Entscheidung, dieser Ort trägt einen slawischen, jener einen deutschen Namen und bestimmt dadurch seinen Ursprung, gibt sie sich nicht zufrieden, sondern sucht jenseits der ältesten Form eines Ortsnamens nach seiner sprachlichen Wurzel; sie ist auf dem Wege über die Mundart mit Erfolg in das Dunkel der Flur- und Straßennamen eingedrungen. Wenn eine Siedlung einen slawischen Namen trägt, die Flurnamen aber eine germanische Prägung haben, dann ist jener entweder schon in der Vorzeit von solcher Be­deutung, daß er auch von den neuen Bewohnern angenommen werden mußte, wie bei Leipzig, Meißen, Lübben, oder er ist nicht slawisch, sondern von der späteren Bevölkerung der slawischen Sprache an­geglichen worden. So bei Brennaburg- Brandunburg- Brandenburg­Brannybor; so ist die deutsche Habola( Müllenhoff, D. A, II, S. 200 u. f.) zum Ausgang des slawischen(?) Stammes der Heveller und ihrer Gau­burg Havelberg geworden. Eine besondere Gruppe bilden die Namen, die von den Neusiedlern aus ihrer alten Heimat übertragen wurden, wie Altlandsberg- Landsberg a. W., Brandenburg- Neubrandenburg.

Man kann unmöglich heute noch das Problem der Entstehung eines Ortes von dem engen Bezirk einer Wissenschaft lösen wollen. Erst die Berücksichtigung der Ergebnisse aller oben genannten Wissens­zweige gibt uns die Möglichkeit, in das Dunkel der geschichtslosen Vorzeit hineinzuleuchten; ihre vereinigte Arbeit hat die moderne Wissenschaft der Siedlungskunde geschaffen. Fragen wir uns jetzt, wie weit diesen Forderungen bei dem Problem Berlin- Cölln wissen­schaftlich entsprochen worden ist, dann werden wir die Sachlage erst einmal von jeder einzelnen Disziplin aus prüfen müssen, werden zunächst die geographische Lage daraufhin zu untersuchen haben, wie weit sie den Bedingungen entspricht, die einer vorgeschichtlichen und geschichtlichen Siedlung günstig sind.

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Dem Eindringen in das brandenburger Land ganz gleich, ob es feindlich oder freundlich ist stellten sich zwei große Hemmnisse in den Weg: die Spree- und Havellinie( Karte 1). Sie waren wenigstens in früheren Jahrhunderten schwer zu überwindende Hemmnisse, ob sich die Bewegung nach Norden, Süden, Osten oder Westen richtete, immer waren die beiden großen Furchen der oberen Havel mit ihrer südlichen Nuthe- Fortsetzung und der Spree und unteren Havel zu überwinden. Dem Krieger waren sie eine zeitraubende Sperre, dem Händler ein unbequemes Hindernis, das er mit der Zeit an einzelnen Uebergangs­stellen zu überwinden lernte. Dazu kommen aber noch die vielen Brücher und Lücher, die wiederholt zu überschreiten sind, bevor er sich überhaupt erst diesen beiden Flußfurchen näherte. Schon auf einer mittelmäßigen Karte treten sie als Tiefgebiete zwischen den trockenen Landblöcken oder Horsten scharf hervor, die von der Spree und der Havel geschieden sind. Die mittlere und untere Havel trennt das Havelland vom Barnim; der Teltow wird. von der Dahme, der Spree, der Havel, der Nuthe und ihren Sumpfgeländen fast völlig isoliert. Die geschichtliche Entwicklung folgte den geographischen