Heft 
(1910) 18
Seite
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23. (9. ordentliche) Versammlung des XVII. Vereinsjahres.

Eine große Anzahl Brandenburgia-Mitglieder waren erschienen, eine Deputation legte namens des Vorstandes einen Kranz nieder. Der Bruder des Verstorbenen, Schuldirektor Dr. Knauer, welcher als dessen willkommener Ersatzmann der Braudenburgia beitritt, sprach namens der Hinterbliebenem den Dank aus.

Unser Mitglied, Herr Baurat Jaffe, hielt demnächst folgende Ansprache:

Hochverehrte Trauervcrsammlung!

Eine schwere, bange Stunde lastet düster auf uns und hält uns in ihrem Banne geheimnisvoll gefangen. Nicht wie ehedem durchfluten die heiligen Klänge der edlen Tonkunst diese Räume, der himmlischen Schwester der menschlichen Sprache, die uns zu höheren Sphären hebt, sondern die Klage um einen geliebten Toten ist es, die uns in namenlosem Schmerze zusammenfuhrt, um von ihm Abschied zu nehmen für immer.

Nicht Festesklänge sind es, die uns hier zusammenfuhren, sondern Grabesflttiche decken diese Stätte des Todes, des großen Siegers über alles Lebendige. Der Genius der Freude, der diesem Hause Zweck und Bestimmungen gab, er verhüllt in tiefstem Schmerze sein Angesicht und senket die Lebensfackel. Ausgelöscht ist des Tages lieblicher Schein und umflorte Lichter bescheinen diese Stätte, die den geliebten Toten birgt.

Einen glänzenden Lebenslauf hatte er zurückgelegt, einem Meteore gleich, siegreich aufsteigend, immer höher zu unüber­troffenen Leistungen im Baufache sich entwickelnd. Nicht nur die Reichshauptstadt und unser gesamtes deutsches Vaterland war es, welches ihm so viele und so herrliche Bauten dankt, auch in fremde Länder und über das Weltmeer trug ihn sein Geschick zu neuem Ruhm. Eine unvergleichliche Arbeitskraft, ein zähes Festhalten an dem Gewollten, die sieghafte Überwindung der anscheinend größten Schwierigkeiten, eine überlegene Kenntnis der Menschen und der Dinge, das waren die Machtmittel, denen er seine genialen Erfolge verdankte.

Wie ein Feldherr wußte er seine Hilfskräfte um sich zu ver­sammeln, die Legionen seiner Mithelfer zu rastloser Arbeit heran­zuführen und goldene Kränze des Sieges und des Erfolges auf dem Gebiete des Baufaches zit erringen. Denn er war nicht nur ein Feldherr, dem alle blindlings vertrauten, sondern auch ein Pfad­finder, der die Adern des Lebens und des Verkehrs in Industrie und Handel, Wissenschaft und Kunst erkannte und würdigte, der auch die unsichtbaren goldenen Quellen zu einem reißenden Strome zu vereinigen verstand, der allen Glück und allen Segen brachte. Eines unbedingten Vertrauens erfreute er sich wegen seiner phäno­menalen Tatkraft bei Millionen von Menschen, von hohen und höchsten Behörden.