492
15. (4. ordentliche) Versammlung des XVI. Vereinsjahres.
C. Naturgeschichte und Technik.
XVIII. Über Bodenbewegungcn. Seitens der uns befreundeten Geographischen Gesellschaft zu Greifswald, Vorsitzender und Ehrenmitglied Geheimrat Dr. Credner, ist uns folgendes Anschreiben zugegangen.
Die Erdkunde wendet gegenwärtig in erhöhtem Maß ihre Aufmerksamkeit den Vorgängen zu, die unter unseren Augen die Beschaffenheit der Erdoberfläche verändern. Wenn wir von den Küsten absehen, vollziehen sich die einschneidendsten Umgestaltungen durch Bodenbewegungen. Von ihnen werden mehr oder minder tief reichende Partien des Bodens, aber auch „gewachsenes“ Gestein, Felsen usw. ergriffen. Die Bewegung kann sein ein Stürzen (Bergsturz, Felssturz), ein Gleiten (Schlipf, Schlammstrom) oder endlich ein nur in seinen Folgen bemerkbares „Kriechen“ (Kennzeichen: Stelzbeinigkeit der Bäume an Abhängen*), Hakenwerfen der Schichten), wobei das Material einen gewissen Einfluß auf die Form der Bewegung hat (ob Fels oder Schutt, ob Lehm oder Sand). Unter den Ursachen, so weit sie nicht in der Gesteiubeschaffen- heit selbst liegen, spielen die Durchfeuchtung durch Quellen, ungewöhnlich starke Niederschläge, Schneeschmelze die Hauptrolle. Bei größeren Erscheinungen tritt noch ein auslösender Vorgang hinzu, wie namentlich ein Anschneiden der Böschung durch Wege-, Bahnbau oder Erosion u. a., unter Umständen auch eine Änderung der Massenverteilung durch Aufschüttung u. dgl. Die morphologische Bedeutung der Bodenbewegungen beruht in einer Verstärkung des normalen Abtragungsvorganges. Sie tritt vor allem hervor bei der Abrundung der Mittelgebirgsformen und bei der Anlage und Ausgestaltung von Tälern. In beiden Richtungen haben die Untersuchungen der Neuzeit zu sehr wichtigen Ergebnissen geführt. Sie haben Gebiete zum Ausgangspunkt genommen, in denen diese Vorgänge sehr intensiv tätig sind. Es besteht aber kein Zweifel, daß sie auch an anderen Stellen von größerer Bedeutung sind, als man annimmt. Darüber und über die Verteilung Gewißheit zu schaffen und zur Beobachtung, zunächst innerhalb des deutschen Sprachgebietes, anzuregen, ist Zweck der Fragebogen, deren Versendung im Aufträge der „Zentralkommission für wissenschaftliche Landeskunde in Deutschland“ geschieht. Ich bitte daher, sie aufheben zu wollen und vorkommenden
*) Die Stelzbeinigkeit der Bäume an Abhängen ist mir besonders aufgefallen bei Olivenbäumen in verschiedenen Teilen Italiens vom Luganer See bis nach Kalabrien, ebenso in den Ruinen von Karthago. Als typisches Exemplar dieser Art von Baum- stelzbeinigkeit schwebt mir immer eine Buche mittlerer Größe vor, die auf der sogen. Jlerthaburg bei Stubbenkammer gleich rechts über dem Haupteingang steht. Die Stelzbeinigkeit z. B. von Kiefern kann aber auch in schwankenden vermoosten Torfmooren Vorkommen, wie Prof. Graebner anfährt, wenn Kiefernkuseln aus Moorpolstern aufwaehsen, wo sie der Stütze bedürftig werden. E. Friedei.