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19. (9. ordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.
Zeitschrift „Die Propyläen“ gelegentlich einer Rundschau über das Berliner Kunstschaffen fällte, erscheint demnach anfechtbar. Indes grade für den Jahrhundertanfang bot die Eigenart der akademischen Ausstellung der Göthe’sclien Kritik in der That die Berechtigung. Poesie, heisst es iii jener Kritik u. a., werde durch Geschichte — Charakter und Ideal durch Porträt — das Allgemein-Menschliche durch das Vaterländische verdrängt. Vielleicht überzeuge man sich bald, dass es keine patriotische Kunst und patriotische Wissenschaft gebe ... So konnte ein Göthe wohl reden vom Standpunkt seiner damaligen Weltanschauung und seiner ästhetischen Glaubenslehre. Der Künstler, der Maler zumal hat Veranlassung seine Thätigkeit im eigenen Lichte zu betrachten; ihm ist Poesie an sich genau so viel und so wenig wert wie Geschichte; die künstlerische Auffassung, die malerische Behandlung — das allein entscheidet. So war es auch damals Gottfried Schadow leicht genug, dem grossen Dichter den Grundfehler seines Urteils nachzuweisen.
Grade an der Charakteristik unserer Gestalten, so etwa meinte er, an den naturgetreuen Bildnissen werde man uns erkennen und von anderen Nationen zu unterscheiden wissen, ln der Landschaft gebe es ja auch keinen allgemeinen Baum, sondern nur bestimmte Baumarten, die man behufs Wiedergabe genau studieren müsse. So wie einst die Holländer, so hätten es aucli die Alten schon gemacht. Ihre Statuen zeigen hellenische Geschichtsbildung, haben ganz bestimmte Merkmale. Für den Künstler liege das Allgemein-Menschliche im Rahmen des Nationalen . . .
Wenn die Mehrzahl der Werke der alten Berliner Historienmaler auf einem vergleichsweise nur niedi’igen künstlerischen Niveau stand, so ist nicht der nationale Standpunkt ihrer-Urheber daran schuld, sondern lediglich ihre unzureichende Begabung . . . Leider hat es auch der nächsten 'Generation, die, vielfach von romantischen Empfindungen beseelt, nun auch die denkwürdigen Befreiungskriege in den Stoßkreis der heimischen Historienschilderung hineinzog, an durchdringenden Talenten gefehlt: solche waren die Ludwig Wolf, II. W. Kolbe, Friedrich Wilhelm Herdt, Raymond de Baux u. A. allerdings nicht. Erst die folgende Epoche des sog. Biedermeiertums schenkte uns respektable Meister z. B. den begabten und gediegenen Franz Krüger, der Hervorragendes leistete in der Darstellung von Paraden und festlichen Ereignissen, einen Wilhelm Hensel, einen A. Eybel, dessen Hauptwerk „Der Grosse Kurfürst in der Schlacht bei Fehrbellin“ s. Zt. Aufsehen erregte . . . Alle diese und viele andere Berliner Maler waren die bisher wenig beachteten Vorläufer unseres Adolph Menzel, des berufensten vaterländischen Schilderers, der durch sein gesteigertes malerisches Gefühl, seinen überlegenen scharfen Geist, seinen sarkastischen