Heft 
(1902) 10
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13. (4. ordentliche) Versammlung des X. Vereinsjahres.

schätz besitzt. Alle übrigen LUnder glauben, dieser Stütze entraten zu können, und hegen die durch Thatsachen noch nicht erschütterte Zuversicht, dass sie sich im Wege der Anleihe sofort ausreichende Mittel beschaffen können. Deutschland nimmt dagegen jährlich den Zinsverlust von 4,2 Millionen Mark (zu 3',% berechnet) auf sich, was für dreissig Jahre einen Entgang von 126 Millionen Mark bedeutet. Thatsüchlich sind denn auch in letzter Zeit Stimmen laut geworden, welche an der jetzigen Einrichtung ernste Kritik üben. Man fordert teils die Beseitigung, teils die Verdoppelung des Keiehskriegsschatzes Der Reichstag würde sich wahrscheinlich eher für das erstere als für das letztere entscheiden.

Allerdings bleibt für den Augenblick der Kriegserklärung ein starker Druck auf den Geldmarkt vorauszusehen; die Kurse auch der bisher für ganz sicher gehaltenen Papiere sinken, der Unternehmungsgeist erlahmt, und das ganze Wirtschaftsleben stockt. Die BaarbestUnde der Reichsbank wird man nicht allzu stark angreifen dürfen, weil sie gerade für die Zeit der Krisis die feste Säule des Kredites bilden sollen. Gleichwohl aber darf mit Sicherheit angenommen werden, dass eine Anleihe, die der schleunigst zu- sanimenzuberufende Reichstag bewilligt, unschwer Unterkunft findet, die Militärverwaltung also nicht in Verlegenheit gerät. Trotz dieser Gegengründe ist bisher kein Anzeichen dafür zu entdecken, dass man die Bestimmungen über den Reichskriegsschatz einer Revision zu unterwerfen gedenkt. Alles Bestehende hat Beharrungsvermögen, und gerade die nächste Zeit stellt Auf­gaben, welche die ganze Kraft der gesetzgebenden Körperschaften in Anspruch nehmen.

4. Künstlerische Ausgestaltung der Städte. Eine plan- mässige künstlerische Neugestaltung Münchens unter Berücksichtigung der überlieferten baugeschichtlichen Verhältnisse der prächtigen Königs­stadt an der Isar ist in einem Umfange, dass es bei uns in Berlin fast Neid erregen möchte, geplant.

Prinzregent Luitpold richtete ein Handschreiben an das Staats­ministerium, in dem darauf hingewiesen wird, dass die Errichtung ver­schiedener Monumentalbauten teils für jetzt, teils für die Zukunft in Erwägung stehe. Die Aufstellung des formellen Programmes für diese Bauten sowie die damit zusammenhängende Erörterung über die Ver­wendung von im staatlichen Besitze befindlichen grösseren Bauplätzen und älteren Gebäudekomplexen in Miinschen soll schon jetzt erfolgen. Die Festlegung derartiger Grundzüge bedeute einen Schritt weiter auf den von König Ludwig I. eingeschlagenen Bahnen. Eine weitschauende und von grossen Gesichtspunkten getragene Behandlung dieser Sache sei für die weitere Entwickelung Münchens von nicht zu unterschätzen­der Bedeutung. Für die Aufstellung dieses Programmes und zur Ent­wickelung bei seiner Durchführung soll unter dem Vorsitz des Staats- miuisters Freiherrn v. Feilitzsch eine grössere Kommission gebildet werden, welcher Vertreter der Ministerien und der Stadtgemeinde München sowie Vertreter der Kunst angeboren sollen. Prinzregent