Heft 
(1911) 19
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26. (9. ordentliche) Versammlung des XVIII. Vereinsjahres.

Die Gräber sind einfach und gleichmäßig, wie in dem Kirchhof der Herrenhnter Gemeinde auf dem alten Dorotheenstädtischen Kirchhof an der Chausseestraße in Berlin. Früher wurde in Rixdorf wie auch in Nowawes in czechischer Sprache gepredigt. Die Kenntnis dieses slavischen Idioms scheint aber erloschen zu sein. Alte czechische Bücher habe ich so in Berlin wie in Nowawes bei den Bömisch-Lutherischen gesehen. Herrnhut selbst wurde bekanntlich 1722 von mährischen Auswanderern, zum Teil Nachkömmlingen der alten bömisch-mäkrischen Brüderkirche, auf dem Grund und Boden des Ritterguts Berthelsdorf r damals dem älteren der beiden gleichnamigen Liederdichter Christian Renatus, Graf vou Zinzendorf, f 1700 in Herrenhut als Bischof der Bürgergemeinde gehörig, aufgebaut.

NXVI. Eine Fritz Reuter-Ausstellung wird im Juli bis Sep­tember d. J. in dem Künstlerhause Bellevue-Str. 3 veranstaltet werden. Unternehmer ist der aus Lübeck stammende, das Plattdeutsche meisterhaft beherrschende, vielen von uns persönlich bekannte Herr Professor Dr. Karl Theodor Gaedertz, welcher, nachdem er in Greifswald einige Jahre teils als Universitäts-Bibliothekar teils als Privatgelehrter gewirkt, wieder nach Berlin übergesiedelt und neben unserm hochverehrten Mitgliede Professor Dr. Seelmann einer der kundigsten Reuter-Forscher ist. Der hiesige Magistrat hat für diese Hundertjahrausstellung einen Kostenzuschuß von 2000 Mk. in der Sitzung vom 18. d. M. bewilligt, eingedenk sowrnhl der großen, dauernden Verdienste, die sich Reuter um das deutsche Volk, namentlich im niederdeutschen Sprachgebiet erworben hat, als auch der leider so traurigen Zeit, die Reuter in der hiesigen Stadt- und Hausvogtei erleben mußte, nachdem er als angeblich hochverräterischer Demagoge zu­erst zur Hinrichtung mit dem Beil, dann zu 30 Jahr Zuchthaus, endlich zu 8 Jahr strenger Festungshaft verurteilt worden war. Der verstorbene Justizminister Dr. von Friedberg hatte seiner Zeit die Güte, als die alte Hausvogtei dem Erweiterungsbau der Reichshank weichen mußte, mir für das Märkische Museum die Tür der Hausvogteizelle zu verehren, hinter der Reuter in Berlin schmachtete, und knüpfte damals nur die Bitte daran, diese Schenkung nicht in die Zeitung zu bringen. Diese Reutertür ist im Neubau des Märkischen Museums in der dortigen Gerichts­stube als Gegenstück zu der Tür aus dem inzwischen ebenfalls abge­brochenen Zuchthaus zu Spandau angebracht, hinter der der Dichter Gott­fried Kinkel bis zu seiner kühnen Befreiung nicht minder als später amnestierter sogenannter Hochverräter eingekerkert war. Die Reutertür wird im Original oder in Photographie neben vielen tausenden von kleineren und größeren Reliquien aus Reuters Leben und Zeit ausgestellt, werden.

Ich empfehle schon jetzt Ihnen Allen recht sehr den Besuch dieser interessanten Ausstellung, die mit genauester Sachkenntnis und mit großer Liebe und Hingabe zu Stande gebracht wird.