Heft 
(1921) 30
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BRANDENBURGIA.

Aus der naturwissenschaftlichen Abteilung des Märkischen Museums

Abteilungs- Vorsteher Dr. Max Hilzheimer

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Das norddeutsche frühhistorische Schwein und sein Ver­hältnis zum Schweizer Torfschwein( s. scrofa palustris Rütimeyer)

Von Dr. Karl Rickmann.*)

Sechzig Jahre sind vergangen, seitdem Rütimeyer seine Untersuchungen der Tierreste aus den Pfahlbauten der Schweiz veröffentlichte und damit zu einem lebhaften Wettstreit in der zoologischen Literatur die Anregung gab, welche zugleich fruchtbringend auf die Frage nach Abkunft und Rassen­verbreitung des Genus Sus wirkte.

Da Rütimeyer seine Arbeiten auf die eigenen Messungen und Vergleiche an dem ihm vorliegenden Material prähistorischer Schweine der Schweiz auf­bauen mußte, weil bei dem damaligen Stande der zoologischen Wissenschaft brauchbares Vergleichsmaterial nicht vorhanden war, so lag es nahe, daß er für die Schweizer Funde das Vorhandensein einer genuinen Rasse annahm, welche er als Torfschwein"( sus scrofa palustris Rütimeyer) bezeichnete.

Zunächst hielt Rütimeyer das Torfschwein für eine Rasse, welche im Steinzeitalter neben dem Wildschwein in Europa wild lebte, allein schon vor der historischen Periode als wildes Tier erlosch.

Hinsichtlich der Herkunft rechnete Rütimeyer das Torfschwein zu den indischen Hausschweinen, speziell zum Siamschwein, indem er dabei an die von Wagner und Schinz gebrachte Zusammenstellung der ostasiatischen Formen von Schweinen anlehnte und die abweichende Bildung des Gesichtsteiles und der Caninprotuberanzen in den Vordergrund der Vergleichung stellte. Wenig später jedoch, beeinflußt durch Herm. von Nathusius' Arbeit( 1864) ,, Vor­studien zur Geschichte und Zucht der Haustiere, zunächst am Schweine­schädel", modifiziert Rütimeyer seine Ansicht dahin, daß er nach der Form des Tränenbeines sein Torfschwein für ein Kreuzungsprodukt zwischen indischem und europäischem Schwein, jedoch mit stärkerem Anteil von letzterem an­spricht, die Frage, ob sus scr. palustris jemals wild gelebt habe, im übrigen

offen läßt.

Das Interesse am Objekt und erneute Funde auch außerhalb der Schweiz veranlaßten andere Forscher zu weiteren Untersuchungen. So wies Schütz ( 1868) das Vorhandensein des Torfschweines Rütim. an norddeutschen Pfahl­bautenfunden aus dem Daber-, Persanzig- und Soldinersee nach, fand Jeitteles in Olmütz( 1872) Reste von gleicher Art, widmete Naumann( 1875) eingehen­der seine Aufmerksamkeit dem Extremitätenskelett an den Funden des Starn­bergersees in Bayern. Die gemeinsamen Resultate dieser drei Forscher gipfeln gemeinsam darin, daß die ihnen vorgelegten Objekte von Tieren herrühren. welche deutliche Domestikationserscheinungen aufweisen. Sie vari­ieren in der Frage nach der Abstammung, indem Schütz und Naumann auf die erkennbare Aehnlichkeit von s. scr. ferus( Gestaltung des Tränenbeines) mit deutlichem Einschlag von s, indicus( Divergenz der Backzahnreihen) basieren; Jeitteles, der Gesamterscheinung nach urteilend, führt die Ab­stammung auf eine kleine, noch vorhandene, die Inseln der Donaumündung

*) Inauguraldissertation zur Erlangung der Würde eines Doctor Medicinae Veterinariae der Tierärztlichen Hochschule zu Berlin