Heft 
(1893) 2
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Kleine Mitteilungen.

Mitteilung fanden. Wäre es nicht sonst eine Missgeburt gewesen, so würde dieGlückshaube auf dem Kopf als ein Gutes verheissendes Zeichen ohne Zweifel gedeutet worden sein. Fr.

Aus dem Märkischen Provinzial-Museum. Von Alters her ist uns die germanische Sitte bezeugt, dass gewaltsam Getüteten an der Stelle, an der die Unthat geschah, ein Erinnerungszeichen in Gestalt eines Kreuzes errichtet wird. Man hat flir diese Denkmäler die BezeichnungMordkreuze gewählt. Dass die Sitte heute noch lebendig ist, dafür liegt uns aus unserer Heimat ein interessanter Beleg vor. Wie uns Hr. Grunow mitteilt, findet sich auf dem AVege von Fr.-Buchholz nach Schönerlinde links der Chaussee ein Kreuz, das dem vor Jahresfrist an der Stelle ermordeten Handelsmann Miitzelburg von seiner Schwester errichtet worden ist. Dr. Pn.

Die Verwünschte in Sanssouci. Vor etwa zwölf Jahren teilte mir in Schlesien ein wendischer Bauer, der jetzige Gemeinde-Vorsteher Herr Hantscho-Hano in Schleife, wörtlich folgendes mit:In Potsdam, im könig liehen Park Sanssouci, liegt ein schlafendes Mädchen hinter einem hohen, steinernen Thorc. Auf dem Thorbogen ist ein Adler, der in seinem Schnabel eine grosse, vergoldete Schlange hält. Wenn einst ein kühner Heiter es wagen w ird, mit seinem Pferde dort Uber den dreissig Kuss hohen Thorbogen zu springen, dann wird er die schlafende Verwünschte erlösen. Dies haben mir Bürger von Potsdam erzählt. Der Erzähler diente nämlich vor mehr als zwanzig Jahren beim ersten Gardc-Ulanen-Regiment in Potsdam. J)a ich gern etwas Näheres über die Verwünschte erfahren wollte, fuhr ich in diesem Frühjahr eines Tages nach Potsdam, um selbst im Volke Nachforschungen anzustellen, und da erfuhr ich denn, dass das, was Hantscho-IIano berichtet hat, durchaus zutreffend und die Verwünschte in Volkskreisen Potsdams allgemeiner bekannt ist. Die schlafende Jungfrau, um die es sich handelt ist die Nachbildung eines klassischen Kunstwerkes, nämlich der schlafenden, Ariadne, die auch im alten Museum zu Berlin als Gvpsabguss unter der Be­zeichnungAriadne, Madrid Aufstellung gefunden hat. Sie befindet sich im Parke von Sanssouci hinter einem grottenartigen Thordurchgang und ist in Potsdam bei den Leuten unter drei Namen bekannt, nämlich alsver­wünschte Prinzessin, alsMannorprinzessin und alsschlafende Jungfrau. Warum sie verwünscht ist, wusste niemand zu sagen, aber wenn jemand zu Pferde dreimal über das Thor springt, ist sie erlöst. Manche Leute, wenn sie Vorbeigehen, schlagen ein Kreuz, und in den Schulen erzählen sich die Mädchen davon. Es soll auch ein Rätsel darüber geben. Oben auf dem Thore sieht man als Gebilde von Erz einen Adler, der eine Schlange ge­fasst hält; wie man mir auch einmal sagte, sei es der Teufel, den die Schlange heisst. Ob zu dieser Meinung ein gewisses tropfsteinartiges Gebilde oben an der Thorkante Veranlassung gegeben hat, in dem man allenfalls ein Wesen mit Annen und Beinen erkennen kann, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls hat sich hier im Parke von Sanssouci in neuester Zeit, inmitten einer grossen Stadt, die Sage von einer Verwünschten gebildet und festgesetzt, und zwar im Anschluss an ein Kunstwerk aus dem alten Rom, das selbst wieder seine Anregung gewonnen hat aus der altgriechischen Sage, eine Gestalt der