Heft 
(1900) 9
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Pastor Zimmermann:

Belustigungen.

An Volksbelustigungen sind ausser den regelmässigen Tanz-Ver­gnügungen noch das Stollenreiteu und die Jugeudmärkte vorhanden. Das erstere hat seinen Namen von der Stolle (Kuchen), welche dem besten Reiter zu teil wurde. Das Fest fällt in den Frühling, und die jungen Burschen erhalten zu demselben ein Pferd vom Iliifner gestellt, welches sie mit Bändern und Blumen schmücken. Sie selbst sitzen in kleidsamer Tracht, d. h. im blossen Haupt, angethan mit einer blauen Jacke, in blanken Stiefeln auf dem blossen Pferde. In neuerer Zeit werden abgelegte Soldatenröcke gebraucht, aber nicht zum Vorteil. Auf der Dorfstrasse sammeln sie sich und tummeln ihre Pferde, welche sehr sauber geputzt sind. Darauf setzt sich der Zug in Bewegung. Voran schreiten die eigens geladenen Mädchen, dann folgen die Reiter. Ein Musikchor führt mitbarbarischen Märschen den Zug auf ein freies Feld, wo ein Wettreiten stattfindet. Die Mädchen schenken jetzt Zeug zu einer Weste, welches auf den Rücken der Reiter befestigt wird. Ein Tanz­vergnügen schliesst dies beliebte Fest.

Hoch geht es auch bei der Feier der Fastnächten her. Ehe polizei­liche Einschränkungen da waren, wurde das Fest von Mittwoch 12 Uhr bis Freitag früh gefeiert. In alter Zeit fand das Fest in den Häusern der Hüfner der Reihe nach statt, und wurden Speise und Getränke dort verabreicht. Es ging sehr ehrbar her und jede Unordnung wurde von besonderen Festordnern mit einer Geldstrafe belegt. Auch die Pfarrer konnten bei den Fastnächten gern zugegen sein. Jetzt geschieht die Feier im Kruge, aber auch in jeder Iliifnerei werden die Leute aufs beste verpflegt. Im Gange sind ganz dünne, mit einem Eisen gebackene Kuchen nach Art von Waffeln. Dieselben heissen Klemmkuchen und tragen verschiedene Inschriften, z. B.: '

Mein Harte und dein Harte sind een Klütken.

Mein guter Michel liebet mich.

Zwei Freier hielten um eine Jungfrau an, wovon der eine arm, der andere reich war. u. s. w.

Zweimal im Jahre, zu Johanni und Martini, findet in der Stadt ein Jugendmarkt statt. Die Hüfner brachten früher mit ihrem Gespann ihre Leute zur Stadt, jetzt wird die Eisenbahn benutzt. Dort vergnügen sie sich an allerlei Lustbarkeiten, besonders am Tanz, machen Bekanntschaft mit einander zum Zweck vom Heiraten. Darum legen sie ihren besten Schmuck an, wechseln wohl auch wie auf Hochzeiten, um den Reichtum zu zeigen, die Kleider mehrere Male am Tage. Der Sonntag nach dem Jugendmarkt pflegt einen reichlichen Kirchenbesuch der jungen Leute aufzu weisen.

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