Fragekasten.
55 von dem seit Jahrtausenden die Sage geht, dass er im Tode singe, ist im domesticierten Zustande in unseren Gewässern nicht vertreten. Nach brandenburgischem Jagdrecht sind die Schwäne Regal der Krone, dürfen also von den sonst zur Wasserjagd Berechtigten nicht erlegt werden. Die Exemplare, welche sich im Tiergarten auf den Gewässern bei den Rousseau- Inseln und im Neuen See befinden, werden abgezählt dort ausgesetzt. Die sonstigen Schwäne der Spree in Berlin sind Herumstreicher, welche sich aus den Havelgewässern zwischen Spandau und Brandenburg hierher ziehen, teils solche Exemplare, bei denen die Flügelverschneidung nicht der Art, um das Fliegen. völlig zu verhindern, ausgeführt ist, teils andere Tiere, die der etwas grausamen Operation sich geschickt zu entziehen gewusst haben. Über die Schleuse beim Schloss gehen diese eingewöhnten Schwäne im allgemeinen nicht hinaus. Ganz ausnahmsweise kommt es vor, dass welche ausserhalb und stromaufwärts der Oberbaumbrücke in die Spree einfallen. Sonderbarer Weise pflegen die Tiere sich dort nicht lange zu halten; sie verschwinden bald wieder. Die Gründe hierfür sind nicht ganz sicher festzustellen.lbjer
Wilde Enten, sämtlich zur Species Anas boschas Linné gehörig,*) haben sich erst seit etwa 30 Jahren im Tiergarten und auf der Spree niedergelassen. Sie werden im Tiergarten an bestimmten Stellen gefüttert, haben in der Nähe auch geschützte Brutstellen; das führt sie immer wieder dorthin. Da diese Wildenten vortrefflich fliegen können, so sind sie in ihren Bewegungen gar nicht behindert und unternehmen oft, namentlich abends, weite Flugpartien. Das Betteln verstehen sie aus dem Grunde. An der Bellevue- Brücke sah ich unlängst ihrer gegen vierzig diesem Geschäft obliegen. Bevorzugte Almosenstellen der Wildenten sind auch im Kanal an der Potsdamer und an der Halleschen Brücke.
Die schlauen Tiere lassen sich hier durch den Lärm der Grossstadt nicht beirren. Dabei sind sie stets wohl aufmerksam und verschlagen, lassen sich auch von Knaben, die sie mitunter mit Fäden, an die der Köder gebunden ist, zu erangeln suchen, nicht so leicht berücken.
Besungen hat übrigens J. W. L. Gleim**) den Schwan und die Ente der Spree bereits in der fridericianischen Epoche. Das Gedichtchen lautet: Der Schwan und die Ente.
Ein edler Schwan, so weiss wie Schnee,
Bereiste seinen Strom, die Spree,
Mit ausgespannetem Gefieder.
Ein' Ente schwamm ihm nach. ,, Gevatter!
Vetter Schwan!"
Fing sie sogleich zu schnattern an,
,, Singt ihr denn keine Lieder?
,, Ihr schweigt, ich weiss in Wahrheit nicht warum? ,, Seid ihr denn etwa stumm?"
*) Auch Märzente genannt, die Stamm- Mutter unserer Hausente.
*) Johann Wilhelm Ludwig. Gleim, geboren am 2. April 1719 zu Ermsleben bei Halberstadt, † am 18. Februar 1803, begraben in seinem Garten zu Halberstadt. Das Gedicht vom Schwan und der Ente dürfte bereits um 1750 gedichtet worden sein.