Kleine Mitteilungen.
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„Böt, böt, böt! „Dei Kreih hett Föt,
„Dei Kreih hett’n langen Start,
„Dat du bald wedder bet er ward!
„Böt, böt, böt!
„Helpt es nich, so schad’t ok nich!“
Die gutgläubige alte vermissquemte Person benutzt diesen unsinnigen Psalm mit bestem Erfolge und wird davon ganz wohlhabend. Der Land- mann, ihr Lehrmeister, bekommt ein bösartiges Geschwür im Halse, der Arzt kann nicht helfen und die Ehefrau setzt nun ihrem immer mehr nach Luft „jappenden“ Manne zu, die alte Böt-Frau kommen zu lassen. Dem Tode nahe,Vermag sich der Mann dessen nicht zu erwehren. Die Ol sc h kommt und plappert nun ihren Sermon mit der grössten Andacht her. Das ist dem Kranken denn doch zu arg, er muss trotz aller Todesgefahr laut auflachen, davon platzt das Geschwür und der Patient ist gerettet.
Nicht erwähnt hat Dr. Bartels, dass es noch neuerdings Ärzte gegeben hat und noch giebt, die bei ihren Patienten das Böten durch alte Frauen und Männer in gewissen Krankheitsfällen ausüben lassen. Das kommt nun auch in der Hauptstadt der Intelligenz vor.
Meine Mutter hatte sich vor vielen Jahren bei einem der den alten Berlinern noch erinnerlichen patriotischen Musikfeste, die mit allerhand Trara, Feuerwerk pp. im ehemaligen „Hofjäger“ an der Thiergartenstrasse (nahe der Friedrich Wilhelmstrasse) gefeiert wurden, durch plötzlichen jähen Schreck eine bösartige Gesichtsrose zugezogen. Das geschah also: in der Nähe meiner Mutter wurde ein lebendiger Adler, „Preussens siegreicher Aar“ versteckt gehalten und dann mit einem Knalleffekt an einer Schnur in die Höhe gezogen, so dass er seine Schwingen entfalten musste. Als dass grosse Tier unter gewaltigem Flügelschlagen mit einem Male sausend in die Höhe führ, alterierte sich meine Mutter, damals noch junge Frau, hierüber derart, dass sie von der geschilderten Krankheit jählings befallen wurde.
Sie wandte sich nun an den uns damals befreundeten berühmten Operateur Dieffenbach * *) Derselbe besah sich die Geschwulst, liess sich aber
„En junger Dokter was derbi „He leep so neben her,
„Un schnöäkert, of nich doa un hi „För äm ook Kundschaft weer.
„Mücht ick an siene Stelle sien,
„Mit Böten füng ick an;
„Gliek seet ick in de Wulle drin,
„Dät nährt jitzt sienen Mann.“
Das Wort „böten“, ahd. puozan, ags. betan, nhd. büssen ist „emendare“ (ausbessern) aber auch „mederi“ (heilen). Vgl. Grimm. Myth. 866, N. 304, 305. Es ist in der Mark, Altmark und Westfalen üblich, scheint aber in manchen norddeutschen Gegenden, z. B. Neuvorpommern, ungewöhnlich zu sein,
*) Johann Friedrich Dieffenbach, geb. 1792 zu Königsberg in Ostpr., wurde 1830 dirigierender Arzt am kgl. Charit AKrankenhause, 1840 ordentücher Professor und Direktor der chirurgischen Universitäts-Klinik zu Berlin, j- am 11. November 1847. Eine Strasse Berlins ist näch ihm, der als der grösste deutsche Chirurg galt, benannt.