Heft 
(1908) 17
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Das alte und neue Potsdam.

Ein Vor- und Rückblick.

Von Robert Mielke.

Potsdam ist, künstlerisch betrachtet, eine der einheitlichsten Stadt­schöpfungen in Preußen. Ja, ich möchte behaupten, daß es in dieser Beziehung, von den neuzeitlichen Gartenstädten abgesehen, einzigartig dastelit. Kunstgeschichtlich erhält die Stadt dadurch noch eine erhöhte Bedeutung, daß man die ältere Architektur Berlins erst richtig würdigen kann, wenn man sie über Potsdam betrachtet. Hier haben viele der bedeutenden Baukünstler, die Meinhard, Schinids, Nering, Grün­berg, de Bodt, von Knobelsdorf, Gontard u. a., die der preußi­schen Hauptstadt den architektonischen Charakter gaben, im 18 . Jahr­hundert mehr oder minder stark gewirkt; hier ist eine der Werkstätten, in denen die fließende Spätrenaissance-Bewegung für lange Zeit Halt machte, um jene Kunstwelt zu schaffen, die wir mit großem Recht als ein deutsches Rokoko bezeichnen. Kaum ein halbes Jahrhundert hatte die Zeit dieser Kunst gedauert; was aber als Ergebnis weit über Deutsch­lands Grenzen die Augen der Zeitgenossen auf sich zog, war eine fast gänzlich neu geschaffene Stadt, war das königliche Potsdam. Wer heute durch einzelne Straßen geht, kann sich noch zurückversetzen in die Zeit friderizianischer Baufreudigkeit, da die sichere Grundlage des Handwerks die widerstrebendsten Einflüsse zu einer starken künstlerischen Stimmung vereinte.

Die königlichen Schlösser fügen sich dieser Stimmung ebenso ein wie die städtischen und bürgerlichen Bauten, die spärlichen Reste einer älteren Bauperiode sind ihr nicht nur zwangslos unterworfen, sondern sie lassen die Rokokobauten Friedrichs des Großen gewissermaßen aus ihrer architektonischen Gebundenheit wie Blüten dem Gezweig entkeimen. Wir bewundern die unverkennbare Freude an äußerem Schmuck und den gesunden Blick unserer Vorfahren, die jedes Bauwerk dem Straßenbilde harmonisch einzufügen verstanden. Wie lange wir uns dieser behag­lichen Kunstfreude indessen noch hingeben dürfen, erscheint mir zweifel­haft. Schon ist leider mancher alte Bau aus den Straßen verschwunden; schon reckt sich in der maßvollen Ruhe einzelner Häuserreihen ein hohes Mietshaus oder das häßliche Gesicht eines Warenhauses auf. Von