Heft 
(1908) 17
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15. (4. ordentliche) Versammlung des XVII. Vereinsjahres.

Vossischen Zeitung vom 6. und 8. d. M. zugehen lassen, dem wir mit gütiger Erlaubnis folgendes entnehmen.

Die zweite Tagung des Verbandes wurde in derRessource zur Unterhaltung in der Oranienburgerstraße abgehalten und am Freitag Abend durch den Vorsitzenden des Berliner Ortsausschusses, Prof. Dr. M. Rüdiger, mit einer kurzen Ansprache eröffnet, in der er seiner Freude Ausdruck verlieh, daß die Versammlung so gut besucht sei, und um Nachsicht für die gebotenen Vorführungen bat, Diese bewegten sich an dem Begrüßungsabend hauptsächlich auf dem Gebiete des Volksliedes und der Volksmusik und boten Beispiele hierfür aus verschiedenen Ländern deutscher Zunge. Aus dem Liederschatz der Bewohner des Erzgebirges trug der Volksdichter Anton Günther aus Gottesgab mit Guitarrenbegleitung mehrere eigene Dichtuugen vor, von denenDa Ufnbank (die Ofenbank) undWu, da Wälder hamlich rauschen wegen des frischen Humors und der ansprechenden Singweisen großen Beifall fanden, dann folgte ein Solovortrag der Konzertsängerin Frau Klossegk- Müller, die einige bekannte Volkslieder zu Gehör brachte, und ein Drei- gesaug von Frl. Gesa Friedei, der Tochter unseres Vorsitzenden, und Frl. Gertrud Schmidt, die im Verein mit der genannten Dame Volkslieder in dreistimmigem Satz von Benno Schuch zum Vortrag brachten. Das von Frau Klossegk-Müller gesungene VolksliedZa Straßburg auf der Schanz leitete zu Vorführungen aus dem Musik- und Liederschätze der Schweizer, Steiermärker, Tiroler und Deutschböhmeu über. Auf einem langen Hirtenhorn aus den Karpaten ließ Kammermusiker R. Königsberg den Schweizer Kuhreigen und verschiedene Hirtenrufe aus den Alpen­ländern ertönen, auf zwei Schwegelpfeifen blies der Steiermärker Georg Drechsler eine Kuhpolka und einen steierischen Herdenreigen und trug dann unter Guitarrebegleitung auf der Mundharmonika einen Ländler und ein lustiges steirisches Lied vor. Besonderen Beifall erregten die Darbietungen desJodlerkönigs Josef Felder aus Entlebucb, der seine Jodler und Juchzer mit solcher Lust und Liebe und mit einem Wohllaut der Stimme vortrug, daß man kaum glauben konnte, daß derJodlerkönig bereits 73 Lenze zählt. In bunter Folge wechselten die genannten Damen und Herren mit Vorträgen aus dem Liederschätze des deutschen Volkes und mit Darbietungen aus ihrer engeren Heimat, und als lustige Unterbrechung führte der Puppenspieler Ganzauge aus Dresden auf seinem Kasperle­theater zwei KomödienSeppel unterm Zauberhut undDie Dorf­schmiede auf, die wegen ihrer scherzhaften Darstellung und der im sächsischen Dialekt besonders wirkenden Witze große Heiterkeit bei den Zuhörern erregten. Die gesamten Vorführungen boten einen kleinen Überblick über ein Gebiet der Volkskunde, das reicl^ an Schöpfungen des Volksgeistes ist und deshalb der besonderen Pflege von seiten volks­tümlicher Vereine bedarf.