Heft 
(1908) 17
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16. (4. ordentliche) Versammlung des XVII. Vereinsjahres. 517

wartet. Ist auch manches im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen, weil die christliche Kirche gegen die Überlieferung heidnischen Glaubens, gegen den Aberglauben, scharf vorgegangen ist, so hat sich doch wiederum durch die Kirche selbst die Kenntnis von manchen alten Gebräuchen und manchem Aberglauben erhalten, indem die Pfarrer in ihren Predigten diese Dinge als abschreckende Beispiele anffiihrten. In dieser Hinsicht haben sich die Predigthandschriften des 14. und 15. Jahrhunderts, wie sie beispielsweise in der Breslauer Universitäts-Bibliothek erhalten sind, als reiche Fundgrube erwiesen. In ihnen findet man Angaben über Liebes- und Glücksorakel, über Hausgeister und ihre Verehrung, über Bleigießen und Messen kranker Körperteile, über Schutzbriefe gegen Wasser, Feuer und Waffen, über Alb, Waldfrau undMahreund ähnliches. Diese Predigtsammlungen haben sich auch als Fundgrube für Märchen und Sagen erwiesen, da diese von den Predigern als Beispiele einge­flochten wurden, und eine Vergleichung dieser aus dem 14. und 15. Jahr­hundert überlieferten Fassungen mit Märchen und Sagen in neueren Sammlungen hat manche Aufklärung über die ursprüngliche Form und den Ursprung der Sagen und Märchen gegeben, und manchen Finger­zeig, daß man beim Sammeln und beim Sichten sehr vorsichtig sein muß, wenn man Gekünsteltes vom Natürlichen unterscheiden will. Als be­merkenswerte Beispiele führte der Vortragende die Sagen von Rübezahl und die Ballade vom Glockengießer von Breslau an, die bisher als Schöpfungen des Volksgeistes angesehen wurden, aber erst im 16. bezw. 17. Jahrhundert als Kunstprodukte entstanden sind. Auch auf diesem Gebiete gibt es für die wissenschaftliche Volkskunde noch viel zu tun, mul die Brüder Grimm haben der Nachwelt ein gutes Vorbild gegeben, wie man frische und natürlich Erzeugnisse aus dem Volke selbst erhalten kann und sich in der Wiedergabe des Erlangten der kindlichen Auffassung des Volkes anpassen muß. Eine beachtenswerte Aufgabe hat die Volks­kunde ferner auf dem Gebiete der altheimischen Bräuche und Sitten zu erledigen. Die Pflege dieser Bräuche verkettet die Volksgenossen mit einander und mit ihrem lleimatlande und erweist sich auch in der Fremde als starkes Bindeglied. Die Volkskunde hat diese Sitten und Gebräuche zu sammeln und für ihre Erhaltung oder ihre Wiedereinführung Sorge zu tragen, die wissenschaftliche Volkskunde hat dem Ursprung der Bräuche nachzuforschen, ihr Vorkommen bei verschiedenen Stämmen und Völkern festzustellen u. dergl. mehr. An einer Reihe von Beispielen zeigte der Vortragende, daß sich bei den deutschen Hochzeitsbräuchen sehr viele uralte Bräuche nachweisen lassen, so der germanische Brautkauf, der Kauftrunk, der Brautlauf, die Tagewählerei, die Übertragung der Herr­schaft durch Handschuh und Mantel, das Brautgeleite u. a., daß mithin eine Sammlung und Untersuchung uralter Bräuche sehr wertvoll ist. Vor allem muß die Volkskunde sich die Sammlung und Aufzeichnung